Yannick Nézet-Séguin, Kanadier, aber nicht erst seit seinem Engagement als neuer Musikdirektor an der Metropolitan Opera stahlendster Dirigenten-Hoffnungsträger in den USA, hätte es sich leichter machen können. Eine der Sinfonien oder „West Side Story“-Tänze, und schon wäre eine Hommage zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein nett in der Jubiläumstüte gewesen. Aber er hatte sich schon 2015 mit seinem anderen amerikanischen Ensemble, dem Philadelphia Orchestra, für eines von dessen umstrittensten Werken entschieden: für die 1971 uraufgeführte, von John F. Kennedys wirkungsbewusster Witwe Jacqueline in Auftrag gegebene Mass. Ein Zwitter, halb Ritus, halb politische Persiflage vor dem Hintergrund der Black Power Bewegung wie des noch immer tobenden Vietnamkrieges. Heute ein seltsam historisches, mehr aber noch in der Wahl seiner bisweilen auch veralteten Mittel heterogenes Stück, das dem damaligen Nixon-Amerika spöttisch den Spiegel vorhält. Wo freilich immer wieder auch der freche, bärbeißig humorige Bernstein durchscheint, und somit ist es dann eben doch sehr authentisch. Mit seinem schwer geforderten Tenorsolisten, diversen Chören, zwei Orchestern, Rock und Marching Band stilistisch nichts auslassend. Akustisch schwer einzufangen, wie diese nicht unproblematische Liveaufnahme beweist. Aber auch von einer spontanen, immer wieder mitreißenden Kraft der authentischen Empörung. So teilt sich auch Nézet-Séguins aufrichtiges Engagement mit, aus der buntscheckigen Partitur das Bestmögliche herauszuholen. „Let the Sunshine in“ – irgendwie wurde die „Mass“ so das „Hair“ der Klassik. Und auch das Flower-Power-Musical ist heute ja nur noch pure Nostalgie ...

Matthias Siehler, 31.03.2018



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