Mit der vorliegenden CD schließen Sandrine Piau und Susan Manoff ein Lied-Triptychon ab, das über Jahre hinweg entstanden ist und aus den Teilen „Évocation“, „Après un rêve“ und nun „Chimère“ besteht. Die tiefgründigen Assoziationen, die zur Subsummierung der jeweils mehre Stilepochen umgreifenden Kunstlied-Programme unter den genannten Überschriften geführt haben, können an dieser Stelle weder erklärt noch bewertet werden – Tatsache ist jedoch, dass sie im vorliegenden Fall zu einer ausgesprochen reizvollen Lied-Kompilation geführt haben.
Zu beklagen, dass Sandrine Piaus Stimme schon seit einiger Zeit nicht mehr so ruhig und vibratoarm läuft wie ehemals – man höre etwa ihr Debussy-Rezital von 2002 mit Jos van Immerseel! – wäre vielleicht ungerecht angesichts ihrer bisherigen Lebensleistung, zumindest aber ohnehin vergeblich: Es ist vor allem die hohe Lage, wo die Kontrolle über das Flackern der Stimme nicht mehr ohne Weiteres möglich scheint. Geblieben, ja vielleicht sogar noch gewachsen ist hingegen die Fähigkeit der Sängerin, ein bewundernswert hohes Maß an Konzentration und daraus resultierender Ausdrucksdichte selbst über das Medium CD zu transportieren – man gerät gelegentlich beinahe in Trance, wenn man der Sängerin und ihrer kongenialen Begleiterin lauscht, wie sie mit stupender Souveränität etwa durch die Kantilenen von Wolfs „Verschwiegener Liebe“ oder Loewes „Ach neige, du Schmerzenreiche“ streifen. Ein gerüttelt Maß an Virtuosität kommt beispielsweise in Poulencs herrlichen „Banalités“ noch hinzu. Ein komplett anderer, dem amerikanischen Musiktheater-Stil perfekt abgelauschter Tonfall fasziniert am Ende des Programms in Barbers „Despite and still“ und in André Previns „Three Dickinson Songs“ – insgesamt eine offensichtlich sehr persönliche, bis ins letzte Detail durchgestaltete CD, mit der zu beschäftigen sich lohnt, zumal auch das opulente Beiheft hierfür so manchen zusätzlichen Anhaltspunkt liefert.

Michael Wersin, 14.04.2018



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