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Blues For Memo

David Murray

Motéma/Rough Trade 39142992
(67 Min., 10/2015)

„Memo“ lautete der Spitzname des 2013 verstorbenen türkischen Musikproduzenten Mehmet Uluğ. Der Albumtitel von David Murrays in Istanbul aufgenommenem Album lässt sich aber nicht nur als Tribut an Uluğ verstehen, sondern auch als Ode an die Erinnerung. Murray, neben Archie Shepp wohl der wichtigste Vermittler zwischen roher Avantgarde und respektvollem Geschichtsbewusstsein im zeitgenössischen Jazz, schreibt mit seinen Stücken gewissermaßen Memoranden an die Gegenwart.
Dafür spannt der 1955 geborene Tenorsaxofonist und Bassklarinettist einen weiten Bogen. Mit seinem Spiel hält er gleichermaßen die Erinnerung an Ben Webster und Lester Young wie an Albert Ayler wach (wobei er seine Überblaser und Schreie diesmal wohldosiert und fast sanft einsetzt), stilistisch bewegt er sich zwischen Bop, Latin, Swing und dem pulsierenden Modaljazz der 60er Jahre. Jason Moran am Fender Rhodes lässt an die Fusion-Zeiten denken, der Einsatz der von Aytac Dogan gespielten orientalischen Zither Kanun im Titelstück integriert Elemente des World Jazz in Murrays Blues-Erinnerungsskizzen.
Dass man bei „Blues For Memo“ immer wieder auf Doppeldeutigkeiten gefasst sein muss, verdankt sich natürlich in erster Linie dem Stargast des Albums. Der Slam-Poet Saul Williams türmt seine hypnotischen und wortverspielt virtuosen Sprachkunstwerke gleichberechtigt neben Murrays Saxofontönen auf. Somit weitet sich das Spektrum der Aufnahme auch in Richtung der HipHop-Vorbereiter Gil Scott Heron, Last Poets und Jimi Hendrix aus (man höre den Anfang von „Citizens“).
Allerdings ist es nicht Williams, der die stärksten Worte auf „Blues For Memo“ artikuliert, sondern der Sänger Pervis Evans. In der Totenklage „Red Summer“ erinnert er an die Opfer des Massakers von Charleston 2013, bei dem ein weißer Rassist neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde erschoss. Der zarte Walzer, in dem an Martin Luther Kings Gewaltfreiheit und sein Aufruf zur Standhaftigkeit erinnert wird, gehört in eine Reihe von Stücken wie Billie Holidays „Strange Fruit“ oder Nina Simones „Mississippi Goddam“. Niemals vergessen, und doch die Hand ausgestreckt lassen – das ist auch David Murrays bewundernswerte Devise.

Josef Engels, 21.04.2018



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