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Jean-Philippe Rameau, Christoph Willibald Gluck, Jean-Féry Rébel

Enfers (Arien, Messe de Requiem sur des thèmes de „Castor et Pollux“)

Stéphane Degout, Emmanuelle de Negri, Reinoud Van Mechelen, Pygmalion, Raphaël Pichon u.a.

harmonia mundi HMM 902288
(78 Min., 12/2016)

Wir wissen nicht, was der französische Bariton Stéphane Degout verbrochen hat. Aber seine Sünden haben ihm zum Glück einen Platz in der Hölle, in der Unterwelt gesichert. Dort hat es ihn zum Tartaros verschlagen. Er macht Bekanntschaft mit diversen Furien, bevor am Ende dieser Qualentour dann doch noch alles eine halbwegs glückliche Wendung für ihn nimmt. Wenn er aus dem Fluss Lethe trinkt und damit all das vergessen kann, was sein irdisches Dasein so verdunkelt hatte. Und als ob dieser tragische Held damit gleichzeitig den Schlüssel zum Himmel, zum Paradies erhalten hätte, tut sich dieses langsam vor ihm auf – zu den sanften Streicherwellen, mit denen Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Les Boréades“ die Muse „Polymnie“ gefeiert hat. Was für ein versöhnlicher Abschluss nach einer über 70-minütigen Höllenfahrt, zu der der französische Alte Musik-Wunderdirigent Raphaël Pichon nicht nur den hochkarätigen Stimmschauspieler Stéphane Degout gewinnen konnte, sondern für die Nebenrollen selbst solche ausgewiesenen Barocksirenen wie Sopranistin Emmanuelle de Negri und Tenor Reinoud Van Mechelen. „Enfers“ (franz. für Hölle, Unterwelt) lautet der Titel des außergewöhnlichen Konzeptalbums, für das Pichon Highlights aus Opern von Rameau und Christoph Willibald Gluck zu einer Art Totenmesse zusammengestellt hat, bei der Stéphane Degout im Mittelpunkt steht. Und als Vorbild für dieses etwas andere Pasticcio galt ihm ein ähnliches Notenkonvolut, das der Barock-Experte Thomas Leconte kürzlich in der Pariser Nationalbibliothek entdeckt hat. Dort fand sich ein Requiem, das ein anonymer Bearbeiter aus zwei Rameau-Opern, darunter aus „Castor et Pollux“ kompiliert hatte. Weltliches trifft nun ebenfalls auf Geistliches, bei dieser musikalisch schnittigen und dampfenden, hochdramatischen wie effektvollen Höllenroute, die mit dem berühmten Blitz- und Donner-Furioso aus „Les élémens“ von Jean-Féry Rébel eröffnet wird. Daraufhin navigiert Pichon die Instrumentalisten des Weltklasse-Ensembles Pygmalion sowie die Sänger nach allen Regeln hochkarätigen Barockmusiktheaters durch die Ausschnitte solcher Rameau- und Gluck-Coups wie „Hippolyte et Aricie“, „Zoroastre“ und „Orphée et Eurydice“. Da möchte man Jubilar Claude Debussy postum für seinen Satz „Es lebe Rameau, nieder mit Gluck“ einfach in der Hölle schmoren lassen.

Guido Fischer, 28.04.2018



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