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Antonio Vivaldi

Concerti per archi III, Concerti per Viola d’amore (Vivaldi Edition Nr. 56)

Alessandro Tampieri, Accademia Bizantina, Ottavio Dantone

Naїve/Indigo 159142
(111 Min., 11/2017) 2 CDs

Igor Strawinski soll ja maliziös behauptet haben, Antonio Vivaldi habe soundso viele hundert Male dasselbe Concerto geschrieben. Wer sich ein bisschen in Vivaldis diesbezügliches Schaffen vertieft, wird schnell bemerken, dass man das so nicht einfach stehen lassen muss. Freilich kann man, was stilistische und formale Individualität angeht, ein „Brandenburgisches“ von Bach für ein paar Dutzend Konzerte von Vivaldi nehmen, aber andererseits zeigt auch der Einsatz historisierender Spielpraxis bei Vivaldi recht klar, dass die Zielsetzungen Bachs und Vivaldis beim Komponieren solcher Stücke wohl auch sehr verschieden waren: Vivaldis Musik verzaubert, werden ihre klanglichen und figurativen Spezifika prägnant herausgearbeitet, durch eine Art von Italianità, die mit atmosphärischen Reizen punktet – so manche klangflächenhafte Partiturseite ist also nicht langweilig, weil fürs Bach-geschulte Ohr so schrecklich wenig passiert, sondern sie wirkt schlichtweg auf Basis völlig anderer Stilmitteln.
Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass Ottavio Dantone und seine Musiker an diesem Punkt schon auch kräftig nachhelfen: Ein Blick in die eine oder andere Partitur der hier eingespielten Stücke zeigt, dass der Ensembleleiter am Cembalo mit seinem Chitarrone-Spieler schon mal einen mehrtaktigen „Eingang“ zu einem Kopfsatz hinzukomponiert (oder -improvisiert), überhaupt werden vom Continuo her an zahllosen Stellen so viel Laufwerk und andere figurative Elemente eingeflochten, dass man schon beinahe von neu hineinkomponierten Partien sprechen kann; vollends wird diese Grenze im Mittelsatz von RV 167 überschritten, wo die Violine bei den Wiederholungen auch ins Oberstimmengeschehen eine völlig neu geschaffene, das komponierte Geschehen durchaus kontrapunktierende Stimme einbringt. Sicher kann man den Standpunkt vertreten, dass Improvisationspraxis in der damaligen Zeit so weit gegangen sein könnte – der Autor dieser Zeilen ist eigentlich auch ein Freund reichhaltigen Improvisierens. Wenn man aber innerhalb einer wissenschaftlich begleiteten Vivaldi-Gesamtaufnahme so stark in die Substanz eingreift, dann sollte das zumindest im Beiheft vermerkt werden. Das ist aber nicht der Fall.
Eine besondere Note wird dieser 56. Folge der Gesamteinspielung ja durch die Viola-d’amore-Concerti verliehen – in der Tat sind das ausgesprochen charmante Stücke, wiederum vor allem dem speziellen klanglichen Reiz geschuldet, der vom Soloinstrument ausgeht. Insofern ist dieses Album eine Bereicherung für den Liebhaber italienischer Barockmusik. Aber auch hier gilt: Wer ein mündiger Hörer sein will, der werfe mal einen Blick in die Partituren auch dieser Stücke, die teilweise gemeinfrei verfügbar sind. Er wird dabei einiges lernen über das Verhältnis von Notentext und interpretatorischer Freiheit.

Michael Wersin, 19.05.2018



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