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Gustav Mahler

„Wunderhorn-Lieder“, Adagio aus der 10. Sinfonie

Michael Volle, Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann

MPHIL/Warner 9305211271
(60 Min., 5/2011)

Mit den initialen Paukenschlägen von „Der Schildwache Nachtlied“ wird der Hörer sofort mitten ins Geschehen katapultiert – in die Wunderwelt der „Wunderhorn-Lieder“ Gustav Mahlers. Inspiriert sind sie durch jene „Volks“-Liedersammlung des Autorenteams Arnim und Brentano, die viel weniger Volksgut enthielt, als wohl selbst Mahler noch meinte: Der allergrößte Teil der Texte ist stark redaktionell bearbeitet und repräsentiert jenes eigenwillige Verhältnis zur Vergangenheit, wie es im Schnittpunkt zwischen Früh-Historismus und romantischer Weltsicht typisch ist.
Die Lieder verfehlen dennoch (oder gerade deshalb) ihre Wirkung nicht, zumal Gustav Mahler ihnen ein überaus farbiges und expressives, an Plastizität und Groteske nicht armes Klanggewand verpasste, dem Christian Thielemann in dieser differenzierten Einspielung sogar noch impressionistische Nuancen abgewinnt. Michael Volle präsentiert die acht auf dieser CD versammelten Lieder mit seiner angenehm körperhaften und erdverbundenen Baritonstimme, die außerdem in der hohen Lage über ausreichend Mezza-Voce-Qualitäten verfügt, um den hohen Anforderungen dieser Gesänge gerecht zu werden. Freilich darf man dennoch keine psychologisch so feinsinnig durchgestaltete Interpretation erwarten wie einstmals bei Fischer-Dieskau. Vielleicht aber möchte man die fertige Deutung ja auch nicht immer gleich auf dem Präsentierteller mitgeliefert bekommen.
Mehr als nur eine Beigabe ist das 25 Minuten lange „Adagio“ aus Mahlers unvollendeter „Zehnter“. Thielemann macht mit den brillant disponierten Münchner Philharmonikern, deren Chefdirigent er zur Zeit der Aufnahme noch war, die harmonisch wie kontrapunktisch überaus spannungsreiche Partitur zum packenden Erlebnis. Für die großartige Tiefenschärfe der Einspielung ist neben dem willensstark ausdruckfanatischen Thielemann sicher auch die hervorragende Tontechnik mitverantwortlich. Ein Erlebnis.

Michael Wersin, 26.05.2018



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