Seit sich die keusche Nymphe Syrinx auf der Flucht vor dem lüsternen Pan in ein Schilfrohr verwandelte und damit zur Urmutter aller Flöten werden sollte, ist das Repertoire auch für die Querflöte als modernem Nachkommen beachtlich angewachsen. Und wenngleich sich selbst ein Könner und musikalischer Allrounder wie Emmanuel Pahud immer wieder im Raritätenkabinett erfolgreich umgetan hat, ist seine neueste Solo-Aufnahme ein Füllhorn an Überraschungen. Als roter Faden ziehen sich die 12 Solo-Fantasien von Georg Philipp Telemann durch das Programm. Und von da aus hüpft Pahud mit all seiner Meisterschaft, mit verlockend innigem Atem, subtilstem Farbenspiel und staunendmachender Brillanz ständig ins 20. und 21. Jahrhundert, um den Bogen etwa von alten Bekannten (u.a. Luciano Berios „Sequenza I“, Edgard Varèses „Density 21.5.“) hin zu wenig Geläufigem wie dem japanophilen Franzosen Pierre-Octave Ferroud zu schlagen. Dann wieder durchtänzelt Pahud charmant einen volkstümlichen „Estländler“ von Arvo Pärt. Oder er erkundet mit der Querflöte solche unterschiedlichen, von tiefenentspannt bis spannungsvoll gereizten, zeitgenössischen Klangtableaux wie jene von Jörg Widmann und Matthias Pintscher. Natürlich fällt bei diesem Querflöten-Panorama auf, dass Pahud mit Claude Debussys „Syrinx“ eines der ultimativen Solo-Stücke des 20. Jahrhunderts nicht berücksichtigt hat. Aber schließlich hat er das Stück ja bereits zwei Mal aufgenommen, im Jahr 2000 sowie 2017 im Rahmen einer Hommage an den Kammermusiker Debussy. Und außerdem hat Pahud jetzt in dem „japanischen Debussy“ Tōru Takemitsu einen idealen Ersatzmann gefunden.

Guido Fischer, 26.05.2018



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