Responsive image
Johann Christoph Bach, Johann Pachelbel, Nicolaus Bruhns u.a.

Deutsche Kantaten mit Solo-Violine

Nahuel Di Pierro, Ensemble Diderot, Johannes Pramsohler

Audax/harmonia mundi ADX 13715
(77 Min., 3/2017)

Das Repertoire barocker Gottesdienstmusiken vor und um J. S. Bach ist gewaltig und harrt in weiten Teilen noch immer der Verbreitung: Lange Zeit war der Blick auf Bach fixiert, was angesichts der außerordentlichen Qualität seiner Musik auch nachvollziehbar ist. Dann begann die Wissenschaft, aufzudecken, aus welchen älteren Quellen sich Bachs Schaffen durchaus auch speist – und erst im Anschluss daran fanden sich die ersten Künstler, die die mittlerweile erschienenen unhandlichen Denkmalausgaben nach Sing- und Spielbarem durchforsteten. Mittlerweile gibt es diesbezüglich auch dank der historisierenden Herangehensweise eine Menge Erfahrung, und eine CD wie die vorliegende mit teils wenig bekannter Musik von Johann Christoph Bach, Nicolaus Bruhns oder Daniel Eberlin ist zumindest keine Hexerei mehr. Aber man braucht zur musikalisch-rhetorisch befriedigenden Umsetzung der Vokalpartien entsprechend doppelbegabte Sänger: Gerade im Falle der Basslage, die hier im Vordergrund steht, ist einerseits eine profunde, im Timbre beeindruckende tiefe Lage, andererseits eben ein ausreichender Bezug zur barocken Sprache vonnöten.
Der Argentinier Nahuel Di Pierro bietet ersteres in Überfülle und kann mit letzterem immerhin in erstaunlichem Maß glänzen: Seine Diktion ist gut, seine Ausgestaltung der Kantilenen ist freilich von der Freude am eigenen üppigen Stimmmaterial geprägt. In einer Kantate wie „Mein Herz ist bereit“ von Bruhns sind auf diese Weise bemerkenswerte Wirkungen zu erzielen, denn der Affekt geht mit Pierros extravertierter Grundhaltung über weite Strecken konform. Andernorts, wo eine differenziertere Textbehandlung sich anböte, könnte man das eine oder andere Fragezeichen anbringen – aber man sollte angesichts einer so großartigen Bassstimme, die technisch zudem gut durchgebildet und unter Kontrolle ist, nicht überkritisch sein.
Durchweg erfreulich agieren Johannes Pramsohler als virtuoser Geigenpartner des Sängers und sein perfekt mit ihm zusammenwirkendes „Ensemble Diderot“. An Gesangssoli kommen noch Andrea Hill, Jorge Navarro Colorado und Christopher Purves hinzu; sie haben in diesem Programm freilich weniger Raum, sich zu profilieren. Navarro Colorado beeindruckt immerhin durch seinen hellen, klaren Tenor-Gesang in der von ihm gestalteten Eberlin-Kantate, während Andrea Hill in ihrer Doppelrolle als Sopranistin (Pachelbel) und Altistin (J. C. Bach) nicht wirklich Kontur zeigen kann.

Michael Wersin, 16.06.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Sie kann sich durchsetzen gegen ein Orchester, kann technisch brillieren, aber auch engelsgleich singen – und sieht mit ihrem Goldglanz dabei auch noch hervorragend aus! Trotzdem ist die Trompete als Konzertsolistin bis heute eine totale Randerscheinung. Zwar gibt es derzeit eine erstklassige Trompetengeneration, die das zu ändern versucht, von Gábor Boldoczki, Håkan Hardenberger über Alison Balsom bis hin zur norwegischen Trompeterin Tine Thing Helseth. Dennoch: Man würde dem […] mehr »


Top