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Both Directions At Once (The Lost Album)

John Coltrane

Impulse/Universal 6763925
(89 Min., 3/1963)

Nicht alles, was ein Spitzenmusiker aufgenommen hat, zählt zu den Highlights der Musikgeschichte. Das derzeit hochgejubelte „The Lost Album“ von John Coltrane zählt zu dieser Gruppierung. Einen Tag vor den melancholischen (Weltklasse-)Aufnahmen des Gesangsalbums „John Coltrane and Johnny Hartmann“ verbrachte Coltrane mit seinem Quintett am 6. März 1963 einige Stunden im Studio. Das Ergebnis klingt wie eine Session, bei der sich Coltrane mit seinen Partnern über mögliche Interpretationen verständigte. Insofern passt der zweite Titel des Albums „Both Directions At Once“.
Wie intensiv Coltrane zu Beginn der 1960er bereits musizierte, ist auf der im Oktober und November 1963 desselben Jahres aufgezeichneten Scheibe „Live At Birdland“ sowie den Studioalben „Crescent“ und dem phänomenalen „A Love Supreme“ nachzuhören. Auf ihnen war ausgereift, was bei der Session zu „The Lost Album“ ausprobiert wurde. Wenn schon ein Bindeglied gesucht wird, dann wäre dies das 1961 begonnene und am 29. April 1963 fertiggestellte Album „Impressions“. Im Vergleich zu dessen 1961 live im Club Village Vanguarde aufgenommenem Titelstück hören sich die vier Studioversionen auf „The Lost Album“ von 1963 wie Probeaufnahmen an.
Coltrane steckte in den Monaten rings um den Studiotermin in einer künstlerischen Zwischenphase, in der er auf Wunsch der Plattenfirma „Impulse“ kommerzieller orientierte Scheiben einspielte: „Duke Ellington & John Coltrane“ einerseits und das Balladenalbum mit Hartman. Er verzichtete darauf, „Untitled Original 11383“ und „Untitled Original 11386“ sowie „Nature Boy“, „Vilia“, „Impressions“, „Slow Blues“ und „One Up, One Down“ zu veröffentlichen – aus Qualitätsgründen? Jedenfalls bildeten Coltrane, McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones nicht jene intensive, dichte Einheit, die dieses Quartett auf anderen Einspielungen auszeichnet. Auch die Soli von McCoy Tyner und Jimmy Garrison wirken eher routiniert als inspiriert.
Zum Abschluss der Session hatte John Coltrane die eine Mono-Version der Bänder mit nach Hause genommen und wohl so aufbewahrt, dass sie erst beim Sichten des Materials im Archiv von Coltranes Ex-Ehefrau Naima wiederentdeckt wurde. Die originalen Stereobänder hingegen wurden bis auf eine unter anderem als Bonus-Track zum Album „Live At Birdland“ veröffentlichte Version von „Vilia“ von der Plattenfirma vernichtet.
Wer John Coltranes Werk nicht kennt, sollte lieber zu den von ihm zur Veröffentlichung autorisierten Alben aus der Periode 1963/64 greifen. Musikstudenten und Coltrane-Kenner aber, die seine großen Aufnahmen bereits studiert haben, können beim Hören von „The Lost Album“ lernen, wie weit auch für die ganz Großen der Weg zu den Meisterwerken war.

Werner Stiefele, 30.06.2018



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