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Wonder Trail

Dinosaur

Edition Records/Membran EDN 1111
(37 Min., 10/2017)

Ist der Jazz-Rock ausgestorben und nur noch ein Fall für bärtige Archäologen? Das britische Quartett Dinosaur um die 26-jährige Trompeterin Laura Jurd beweist munter das Gegenteil. Auf ihrer zweiten Einspielung liebäugelt die Formation nun mit den Sounds, die derzeit allgegenwärtig in den Formatradios sind – und die stammen, wie das in der für ihre Zeitsprunghaftigkeit notorischen Popmusik üblich ist, aus den 1980er Jahren.
Dazu kitzelt Keyboarder Elliot Galvin jede Menge eigentümlich bizarrer Klänge aus seinem Synthesizer. Mellotronhafte Elektroflöten sind zu hören, brachiale Plastik-Fanfaren, die sich in einem Abstellraum im Paisley Park von Prince versteckt haben mögen, aber auch billige 8-bit-Sounds aus vorsintflutlichen Computerspielen. Bemerkenswert ist, wie es Dinosaur gelingt, diese Klangbilder in einer Schwebe zwischen augenzwinkernder Karikatur und ernsthafter Zeichenkunst zu halten.
Während Drummer Corrie Dick und Bassist Conor Chaplin mit knackigen Morsezeichen-Grooves im Gedenken an Miles Davis eine Funk- und Rock-Energie heraufbeschwören, die dank Synthbass-Effekt, Gitarrendistortion und angedeuteten Trap-Beats in die Gegenwart verweisen, entlockt Bandleaderin Laura Jurd ihrer Trompete die erstaunlichsten Töne. Das klingt mal ein bisschen nach Don Cherry, mal nach Basar, mal nach Skandinavien – und, ja, auch nach Elefant.
Bei zwei Stücken belässt es Jurd denn auch nicht dabei, auf ihrem Instrument Geschichten zu erzählen, sondern singt folkartige Melodien, gemeinsam mit ihren Bandkollegen. Das klingt dann zwar wie ein Chor schwer depressiver Pfadfinder, passt aber in seiner engen Verschränkung von Poesie und Komik wunderbar zum Rest des Albums.

Josef Engels, 30.06.2018



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