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But Beautiful

Charlotte Illinger

Double Moon/in-akustik 05712278
(48 Min., 2/2017)

Charlotte Illinger macht aus ihren Vorlieben kein Geheimnis: Die 23-Jährige schwört auf die Jazzgesangstradition der 1950er und 1960er Jahre. Deshalb verwundert es nicht weiter, dass sie sich auf ihrem Debütalbum von einem rein akustischen Piano-Trio mit klarer Swing- und Hardbop-Ausrichtung begleiten lässt, hauptsächlich Standards interpretiert und dem Vocalese-Stil von Lambert, Hendricks & Ross nacheifert.
Aber wie Illinger das tut, ist schon bemerkenswert. Da ist zum einen ihre Stimme, die sich durch eine angenehme Wärme auszeichnet, die sie auch bei agilen Scatpassagen nicht verliert. Zum anderen sieht die junge Vokalistin mit Collegejacke und Turban-Haarband auf dem Plattencover nicht nur aus wie ein Mädchen der Jetztzeit, sie zeigt das auch musikalisch auf nobel zurückhaltende Weise. So hat sie für „I Wish You Love“ kein schon tausend Mal gehörtes Solo eines Saxofonrecken aus grauer Vorzeit transkribiert und betextet, um es virtuos zungenverknotend vorzutragen. Stattdessen wählte sie die Linien des eher unbekannten Gegenwartstenoristen Ian Hendrickson-Smith. Und auch bei ihrer Version des Balladenklassikers „You Go To My Head“ zeigt Illinger, dass sie ein Kind des neuen Jahrtausends ist. Die Bearbeitung erweckt Erinnerungen an Robert Glaspers HipHop-Jazz und Gretchen Parlatos Vortragskunst.
Natürlich: Illinger und ihre bestens eingespielten Begleiter (der Pianist Jerry Lu, die Bassistin Caris Hermes, der Schlagzeuger Niklas Walter und der Saxofongast Paul Heller) sind mehr Bewahrer des Mainstreams als Denkmalstürzer. Aber mit ihren Arrangements und Eigenkompositionen, die textlich an selige Cole-Porter-Zeiten erinnern („Furniture“ ist dafür ein gutes Beispiel), bringen Illinger und die Ihren viel Frisches auf den Tisch. Alter Wein aus neuer Kehle – eine schmackhafte Kombination, der sicherlich noch ein wenig die Tiefe und der ganz eigene Stil fehlen. Aber das kommt noch, keine Frage.

Josef Engels, 07.07.2018



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