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Dmitri Schostakowitsch

Sinfonien Nr. 4 & 11

Andris Nelsons, Boston Symphony Orchestra

DG/Universal 4835220
(127 Min., 9 & 10/2017, 3 & 4/2018) 2 CDs

Wenn ein Komponist des 20. Jahrhunderts sich quasi sein ganzes Leben lang im Spannungsfeld „Kunst und Politik“ aufgehalten hat, dann war es Dmitri Schostakowitsch. Denn tatsächlich zeigte er bereits im zarten Alter von 10, 11 Jahren Flagge – als er im Revolutionsjahr 1917 Stücke wie „Revolutionäres Petrograd“ und „Trauermarsch zum Andenken an die Opfer der Revolution“ schrieb. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1957, ließ der längst ins Räderwerk der Politik geratene Komponist mit der Sinfonie Nr. 11 ein Werk folgen, das diesmal an das Revolutionsjahr 1905 erinnerte. Der 22. Januar 1905 ist als „Petersburger Blutsonntag“ in die Geschichte eingegangen, an dem Tausende von Arbeitern brutal von den Soldaten des Zaren Nikolaus II. zusammengeschossen wurden. Die vier ohne Pause ineinander übergehenden Sätze nehmen von ihren Titeln her unmittelbaren Bezug auf die Geschehnisse. Und Schostakowitsch zieht hier alle Register, um die Tragödie jenes Tages so hautnah wie möglich miterlebbar zu machen. Im Rahmen seiner Gesamteinspielung der Sinfonien Schostakowitschs sorgt Andris Nelsons nun mit seinem einmal mehr wie unter Starkstrom spielenden Boston Symphony Orchestra gleich in den ersten beiden Sätzen für eine knisternde Spannung und gespenstische (Un-)Ruhe, die schon bald umkippt und in aller Brutalität auf die Katastrophe hinausläuft. Grandios, wie Nelsons das beklemmend dunkle Pathos aus seinen feingewobenen Schattierungen herausentwickelt. Umwerfend, was für grelle Blitze sodann durch den Orchesterkörper sausen. Und als nicht weniger aufregend entpuppt sich das atemlose Hetzen, Taumeln und Tosen im Finalsatz.
Was allein die orchestrale Brillanz angeht, mit der die kaleidoskopartige Detailfülle dieses sinfonischen Schicksalsdramas hör-, erlebbar gemacht wird, hat sich das Boston Symphony Orchestra unter Nelsons inzwischen zum würdigen Nachfolger des Chicago Symphony Orchestra gemausert. Nicht weniger hoch her geht es aber auch in der 4. Sinfonie, die zu den Sorgenkindern des Komponisten gehörte. Bereits in den Jahren 1935/36 komponiert, musste Schostakowitsch das Werk angesichts der damals in der „Prawda“ auf ihn gefahrenen Attacken zurückziehen. So wurde die Vierte erst 1961 uraufgeführt. Mit ihren Montagen und Collagen aus E- und U-Elementen, mit ihrer wild pumpenden Rhythmik und grotesken Schneidigkeit besitzt dieses Opus in Überfluss nahezu alles, was Schostakowitsch ins Fadenkreuz der Stalinschen Kunstrichter gebracht hatte. Bei Nelsons & Co kann sie sich jetzt hingegen nach Herzenslust austoben.

Guido Fischer, 04.08.2018



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