Der Kunstgriff von Rafael Kubelík (1914 - 1996), eines nicht nur in München vielgeliebten Dirigenten, bestand darin, alle Komponisten so zu dirigieren, als seien sie Vorläufer, Zeitgenossen oder Wirkungen der Musik Dvořáks. Bei ihm klang alles schlank, gelenkig, naturfarben hell. Das war durchaus überzeugend – auch bei seinen Schumann- und Beethoven-Zyklen mit den Berliner Philharmonikern sowie den epochalen Opern-Gesamtaufnahmen von Pfitzners „Palestrina“ (mit Nicolai Gedda) und Webers „Oberon“ (mit Birgit Nilsson).
Besondere Bedeutung kommt Kubelík bei der Wiederentdeckung Mahlers zu, wozu er vor Leonard Bernstein ansetzte – und den er charakterlich weniger exzessiv dirigierte. In München besaß sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks 114 Musiker; Kubelík selber bezeichnete sich als „den 115.“ (so erzählt er in einem mitgelieferten Fernseh-Porträt). In beispielloser Uneitelkeit räumte er glanzvollere Posten in Chicago, am Covent Garden sowie an der Metropolitan Opera, sobald Konflikte ihm das Leben schwer machten. Stattdessen legte er sich mit der bayerischen Landespolitik an, als man ein neues Rundfunkgesetz verabschieden wollte (das aufgrund dessen geändert wurde).
Auf Probenmitschnitten sieht man Kubelík – bei vorzüglicher Schlagtechnik! – vor allem abwägen, mäßigen und zum Vorwärtsgehen freundlich ermuntern. In seinem Ziel, den allgemein grantelnden Pult-Star demokratisch vom Podium zu holen, war er visionär. Die Box bietet sein überragendes Vermächtnis. Mit unter 2 Euro pro CD soll sie für kurzfristigen cashflow beim Stammlabel DG sorgen. Sie wird bald weit höhere Sammlerpreise erzielen.

Robert Fraunholzer, 11.08.2018



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