Hurra, eine neue, noch nicht eingespielte Operette von Eduard Künneke, immerhin einer der wichtigsten deutschen Operettenkomponisten, der sich so irgendwie auch aus den Goldenen Zwanzigern in die brauen Dreißigerjahre lavierte. Das Label Capriccio setzt hier seine lange währende Zusammenarbeit mit dem WDR Funkhausorchester fort. Doch die parallel zu einer konzertanten Aufführung 2017 entstandene Einspielung macht leider nicht wirklich glücklich. Es wäre interessant zu wissen, ob der auch in London und am New Yorker Broadway herumschnuppernde Künneke Cole Porters ebenfalls auf einem Luxusliner spielendes Musical „Anything Goes“ gekannt hatte. Sein ein Jahr jüngeres „Herz über Bord“ über eine erbschaftsbedingte Scheinehe, uraufgeführt am Zürcher Opernhaus und in Berlin mit Grethe Weiser und Georg Thomalla herausgekommen, wirkt gegen diesen angejazzten Klassiker weit biederer. Was auch daran liegen mag, dass die Partitur des für seine Instrumentierungskünste berühmten Künneke in diesem Fall verschwunden ist. Der einigermaßen brav taktierende Wayne Marshall musste sich für das über Kreuz verliebte Quartett aus Profischwimmerin und Anlageberater, bzw. Jugendfreund und Schauspielerin mit zum Teil rekonstruiertem Notenmaterial des Kölner Operettengranden Franz Marszalek behelfen. Saxofon, gestopfte Trompeten, Banjo, zwei Klaviere sind zu hören, doch bleiben sie recht erdenschwer. Noch schwerer wiegt freilich, dass die netten, sogar pfiffigen Songs sehr bieder von hauptberuflichen Opernsängern vorgetragen werden. Annika Boos (Lilli) und Linda Hergarten (Gendolin) Martin Koch (Hans) und Julian Schulzki (Albert) kommen über puschige Vokal-Biederkeit nicht hinaus, wo es erotisch knistern, mindesten frivol funkeln müsste.

Matthias Siehler, 18.08.2018



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