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Leonard Bernstein

Sinfonie Nr. 2 „The Age Of Anxiety“

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Krystian Zimerman

DG/Universal 4835539
(40 Min., 6/2018)

Viele Notenlinien leiten bei dem Komponisten Bernstein zu seinem Jahrhundertcoup „West Side Story“. Selbst wenn dessen Feuertaufe noch in weiter Ferne lag. Der „Lento moderato“-Prolog“ seiner 1949 uraufgeführten 2. Sinfonie entpuppt sich mit seiner Klarinettenkantilene unüberhörbar als Kreuzung aus dem späteren „West Side Story“-Ohrwurm „Maria“ und der Einleitung von Strawinskis „Le sacre du printemps“. Und im Finalsatz („The Epilogue“) gleiten die Streicher leicht ätherisch dahin wie in dem herzzerreißenden „Adagio“, in dem Tony in den Armen von Maria stirbt. Nimmt man aber dann noch all die musikalischen Sidesteps hinzu, mit denen Bernstein seine Zweite vorantrieb – Jazz, lateinamerikanische Rhythmen und konzertante Motorik à la Schostakowitsch –, verwundert es nicht, dass der Klang-Eklektizismus des dirigierenden Komponisten und komponierenden Dirigenten zumindest bei den fortschrittlichen Vertreter der zeitgenössischen Musik stets Naserümpfen auslöste.
Inzwischen sind viele der hart umkämpften Neue Musik-Barrieren wieder verschwunden. Bernsteins 2. Sinfonie, die auf dem Gedicht „The Age Of Anxiety“ von Wystan Hugh Auden basiert und eigentlich ein verkapptes Klavierkonzert ist, hat dadurch zwar nicht viel an überzeugender Substanz gewonnen. Langweilig wird es einem aber bei dem Live-Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie schon deswegen nicht, weil hier ein First Class-Team bis zur großen Pathos-Pforte, die sich zum Schluss gewaltig öffnet, unter Starkstrom musiziert. Krystian Zimerman, der zu Beginn seiner großen Pianisten-Karriere mit Bernstein vielfach zusammengearbeitet hat, erweist sich mal als beherzt auftrumpfender Akkordlöwe, mal als wieselflinker Tastensprinter. „Extremely Fast“ lautet etwa das Tempolimit von „The Masque“ – und Zimerman hält sich bei diesem jazzoiden Wahnwitz mehr als dran. Aber auch die von Simon Rattle in allen Belangen glänzend eingestellten und geforderten Berliner Philharmoniker sind in ihrer Spiellaune einfach nicht zu bremsen. Auch Bernstein hätte daran seine helle Freude gehabt.

Guido Fischer, 01.09.2018



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