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Oltremare

Raffaele Casarano

Tŭk Music/Edel 1097026TUK
(54 Min., 1/2018)

Da hat sich der italienische Alt- und Sopransaxofonist Raffaele Casarano ein wahrlich illustres europäisches Spitzenensemble zusammengestellt: An den Drums sitzt der auch bei Pop-Größen für seine ungemein federnden knochentrockenen Grooves geschätzte Franzose Manu Katché, die Tasten bedient der belgische Souljazzexperte Eric Legnini, und an Bass und Cello ist der schwedische Filigrantieftöner Lars Danielsson zu hören.
Als guter Gastgeber lässt der Italiener seinen drei Mitstreitern im saxofonlosen Opener „La libertà“ den Vortritt, um sich nach diesem zwischen Gospel und skandinavischer Melodiendemutsübung à la Niels-Henning Orsted Pedersen vermittelnden Beginn mit voller Kraft ins Geschehen zu stürzen. Dabei erweist sich Casarano nicht nur als ein mit allen David-Sanborn-Wassern des R&B gewaschener Pustefix, sondern unterläuft die Hörerwartungen immer wieder mit seinen Phrasen außerhalb der Harmonik.
Diese Reibungen bestimmen das Album auch auf einer übergeordneten Ebene. Feingesponnen Kammermusikalisches befindet sich da im steten Wechsel mit Nummern, die durchwirkt sind von elektronisch angehauchten Beats, House-Akkorden, Soul-Kadenzen, Hardrock-Zitaten („La traversata“) oder Verbeugungen vor Stevie Wonder („Rimani qui“ könnte glatt von ihm stammen). Auch ein Rapper, Danno von der römischen HipHop-Institution Colle der Fomento, findet Platz in diesem Gemisch. Und wenn er im Titelstück „Oltremare“ von dem gegenwärtigen Kampf um Leben und Tod auf dem Mittelmeer sprechsingt, erhält man durchaus einen Schlüssel für die Stimmungsschwankungen auf dem Album: Man kann dieses Pendeln zwischen stiller Trauer, Hoffnung, Verzweiflung und kraftvollem Zupacken als sinnbildlich für die europäische Seelenlage angesichts der Flüchtlingsschicksale vor unseren Küsten sehen.

Josef Engels, 01.09.2018



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