Wenige Tage bevor die amerikanische Sopranistin Joyce DiDonato Ende 2017 das Berliner Silvesterkonzert-Publikum in der Philharmonie mit der orchesterbegleiteten Darbietung einiger Strauss-Lieder begeisterte, präsentierte sie in der Londoner Wigmore Hall das vorliegende eigenwillige Liederprogramm mit Streichquartett-Akkompagnement. Das Album ist ein Live-Mitschnitt der Londoner Veranstaltung.
Für vier Streicher arrangiert tendiert das Setting der Strauss-Lieder natürlich eher zur klavierbegleiteten Originalversion als zur Orchesterfassung: Der intime kammermusikalische Rahmen zwingt den Fokus mehr auf die Texte der Lieder als bloß auf die weiten Kantilenen – und hier zeigt sich gleich ein gewisses Defizit der Darbietung: Joyce DiDonato nutzt zwar Strauss‘ weiträumige Kantilenen zur Entfaltung ihrer immer noch traumwandlerisch sicher funktionierenden Stimme, aber den zugrundeliegenden Text vermag sie nicht wirklich idiomatisch zu erfassen und sinnvoll zu gestalten. Insofern bleibt ihr Strauss-Engagement, so „schön“ sie diese Lieder auch singt, seltsam fremd und hölzern. Der Grund für die spürbare Divergenz zwischen leidlich korrekter Phonetik und eigentlicher Aussage liegt vermutlich in der deutschen Sprache; die ebenfalls zum Programm gehörigen Debussy-Lieder jedenfalls gestaltet DiDonato mit deutlich höherer sprachlicher Kompetenz, und bei Jake Heggies Camille-Claudel-Zyklus „Into The Fire“ ist sie endlich voll in ihrem Element. Man mag über die Zeitgemäßheit dieser kompositorisch sehr traditionell (also ungebrochen tonal und auch satztechnisch nicht sehr avanciert) gehaltenen Lieder des 1961 geborenen Amerikaners streiten, aber Joyce DiDonatos engagierter Zugriff auf das Sujet der dem Wahnsinn anheimfallenden französischen Bildhauerin überzeugt durchaus: Hier gelingt es ihr wahrhaftig, die Qualitäten ihres „Hauptgeschäfts“, des Operngesangs – zu nennen wären ihr untrügliches Gespür für die lebendige Ausgestaltung großer Bögen bei perfekt funktionierender Technik in jeder Lage und auf jeder dynamischen Stufe – auf die kleinräumigere Form des Liedes herunterzubrechen.

Michael Wersin, 15.09.2018



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