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Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach (Klavierwerke)

Víkingur Ólafsson

Deutsche Grammophon/Universal 4835022
(77 Min., 4/2018)

Eigentlich hat der 1984 in Reykjavík geborene Pianist Víkingur Ólafsson die Rezension zu seiner Bach-CD bereits selbst geschrieben: Im Beiheft-Text legt er ausführlich Rechenschaft ab über seinen Zugang zu Bach, ausgehend von den sehr unterschiedlichen Interpretationen der Klavierwerke, mit denen er sich schon früh beschäftigt hat. Zweifellos hört man von all dem, was er selbst da so angehört hat, auch so manches auf dieser CD: Da ist der mit romantischen Stilmitteln auf die Klaviatur gebrachte Orgel-Bach aus der Busoni-Tradition, den wir im Choralvorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“ (nach BWV 659) erleben. Da ist aber auch der tempomäßig überdrehte, exzessiv „non legato“-gehämmerte Bach Glenn-Gouldscher Prägung, wie er sich etwa in Ólafssons Darbietung des D-Dur-Präludiums aus dem WK I eindeutig widerspiegelt. Wollte man Ólafssons Zugriff auf Bach allein auf diese Vorbilder beziehen, dann müsste man ihm Eklektizismus vorwerfen. Aber so wie er sich schon in jungen Jahren nicht festlegen mochte, welcher der zahlreichen sehr unterschiedlichen Klavier-Adaptionen er den Vorzug geben wollte, so beherzt überschreitet er gelegentlich auch die Grenzlinien der verschiedenen interpretatorischen Traditionen: Wilhelm Kempffs Transkription des Choralvorspiels „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ nimmt er jegliche romantische Ästhetik, indem er sie in Gouldscher Manier rasend schnell vorträgt; dabei verleiht er dem Choral-Cantus-Firmus allerdings Geschlossenheit und Konsistenz, weil dieser durch das schnelle Tempo nun in einem singbaren „Echtzeit“-Tempo erklingt. In der Aria variata BWV 989 lotet er nach sehr lyrischer Präsentation des Themas in den einzelnen Variationen flexibel die Möglichkeiten der Bach-Umsetzung auf dem modernen Flügel aus: Vom konsequenten trockenen non legato besonders in den Basslinien bis hin zum weichen Legato reicht hier das Spektrum, mit dem Ólafsson sich auf seine Weise dem Ausdrucksgehalt der Variationen nähert. Freilich sind all diese Arten des Zugangs kaum von derjenigen Art der Bach-Interpretation beeinflusst, die man als „historisch informiert“ bezeichnet. Vielmehr erweisen sie sich inspiriert durch die Lust am Erkunden der kompositorischen Strukturen einerseits und der verschiedenen Arten von Expressivität andererseits, die Bachs Musik jenseits aller historisierend „korrekten“ interpretatorischen Verwirklichung bereithält. Weil Ólafsson seinen persönlichen Weg vor diesem Hintergrund jedoch so konsequent und kreativ und zudem in spieltechnischer Hinsicht so ausgereift und präzis beschreitet, ist seiner Bach-Deutung durchaus ein hohes Maß an Aufmerksamkeit seitens des interessierten Publikums zu wünschen.

Michael Wersin, 15.09.2018



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