Warum sollte man Zweitklassiges im vermeintlich seriösen Fach komponieren, wenn in einem erstklassiges Entertainment-Blut fließt? Diese Frage wirft jetzt Simon Rattle nicht nur mit seiner zweiten CD-Hommage an Leonard Bernstein auf, sondern gibt darauf gleich die entsprechende Antwort! Gerade erst hatte Rattle mit seinen Ex-Berlinern und Pianist Krystian Zimerman im Solo-Part eine zwar prominent besetzte Aufnahme von Bernsteins Sinfonie „The Age Of Anxiety“ veröffentlicht. Doch fehlt dem Werk genauso der Überlebensfunke wie Bernsteins unlängst von Yannick Nézet-Séguin aufgenommener „Mass“, auf die er einst genauso stolz war. Ganz anders liegt der Fall bei „Wonderful Town“, einem direkt auf Hochtouren laufenden Coup. Da jagt ein melodiöser Geniestreich den nächsten. Und Jazz und Latin-Rhythmen sorgen für dauerfunkelndes Bühnentreiben. Der Musical-Komponist Bernstein hatte es 1953 einfach drauf. Dass Rattle gerade dieses Stück so ans Herz gewachsen ist, spricht für ihn. Nach seiner Aufnahme des Werks 1999 mit der Birmingham Contemporary Music Group sowie einer Berliner Waldbühnen-Sause 2002 mit den Berliner Philharmonikern stellte er nun für seine dritte „Wonderful Town“-Show einen First Class-Cast zusammen. Rattles London Symphony Orchestra hört man seine ganze Klasse und Erfahrung auch als Crossover-Orchester an. Und allein die Partien der beiden Schwestern Eileen und Ruth, die es nach New York gezogen hat, könnten gar nicht besser besetzt worden sein als mit Danielle de Niese und vor allem mit der amerikanischen Broadway-Granate Alysha Umphress. So klingen für die Ewigkeit geschriebene Meisterwerke.

Guido Fischer, 22.09.2018



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