Responsive image

Hýdōr (Piano Works XII)

Rainer Böhm

ACT/Edel 1097612ACT
(50 Min., 8/2017)

„Hýdōr“ ist das altgriechische Wort für Wasser. Damit drängt sich die Assoziation vom Fließen der Töne auf, zumal auch das an eine Kalligrafie erinnernde Bild auf dem Cover „Woge“ heißt. Aber: Rainer Böhms Klänge fließen nicht nur. Sie stolzieren auch, sie tanzen, sie ballen sich, sie brausen auf und schwellen ab. Nur das Titelstück und dessen Reprise am Ende der Disc wecken tatsächlich die klangliche Erinnerung an Wasser, das – in „Hýdōr“ – langsam dahinströmt und auf dessen Oberfläche in der Erstfassung Sonnenreflexe funkeln oder in der dunkleren „Hýdōr Reprise“ sich die Umgebung im Abendlicht spiegelt.
Die übrigen elf Stücke sind anderen Themen gewidmet, wobei sich Böhm nicht scheut, im Titel Hinweise auf die kompositorische Grundlage zu geben. Es klingt zunächst nach einer technischen Spielerei, wenn er in „Bass Study (Part I)“ und „Bass Study (Part II)“ die Spannung zwischen den hellen und mittleren Lagen der rechten und den dunklen der linken Hand auskostet und dabei in der ersten Studie die melodische Dominanz schleichend von der rechten auf die linke Hand und wieder in den Normalzustand zurück verlagert.
Seien es repetitive Figuren, die er „Thumb Up, Broken Toe“ und „Badi Bada“ unterlegt, oder freudig aufsteigende in „Catalyst“: Jeder der dreizehn Titel vermittelt ein einzigartiges Klangerlebnis. Insofern fällt es schon auf, dass eine Samba durch den „Brazilian Movie Song“ weht. Seine Musik nährt sich aus der Tradition von Klassik, Romantik und Impressionismus. Nur einen historischen Bezug meidet er: den auf den swingenden Jazz. Warum auch? Er ist Europäer und bezieht sich auf die Historie der europäischen Musik. Das macht den besonderen Reiz seines musikalischen Kosmos aus.

Werner Stiefele, 06.10.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top