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Combo 66

John Scofield

Verve/Universal 6780213
(60 Min., 4/2018)

Keine Ahnung, ob John Scofield Udo Jürgens kennt. Jedenfalls beherzigt der Gitarrist auf seinem neuen Album den Schlachtruf „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ aufs Beste. Eine neue Band hat der jüngst 66 Jahre alt gewordene Scofield für die Aufnahme zusammengestellt, in der die die halb so alten Vicente Archer und Gerald Clayton Bass und Klavier respektive Orgel an der Seite des altgedienten Scofield-Gefährten Bill Stewart an den Drums spielen.
Zudem hat der Gitarrist eine Reihe neuer Stücke geschrieben, die mindestens so ins Ohr gehen wie Udo-Jürgens-Schlager. Etwa die Eröffnungsnummer „Can't Dance“ mit ihrem treibenden Achtelbass, ihren swingenden Drums und diesem Ohrwurmthema, das man nicht aus dem Kopf bekommt. Es wirkt wie ein Querschnitt aus den Aktivitäten des ehemaligen Miles-Davis-Sideman in den vergangenen Jahren. Die fauchende Orgel gemahnt an den Jamjazz mit dem Trio Medeski, Martin & Wood, die knorrige Melodieführung an den Country-Ausflug „Country For Old Men“, die lässige Selbstverständlichkeit des Zusammenspiels an das letztjährige Gipfeltreffen „Hudson“ mit John Medeski, Jack DeJohnette und Larry Grenadier.
Das Lustige ist: Trotz der Blutauffrischung durch die jungen Mitmusiker macht „Combo 66“ bewusst auf alt. Die Stücke verweisen auf die Archaik des Swing und des Blues. Da gibt es Stop-Chorusse wie in „Dang Swing“, die aus dem Proto-Rock'n'Roll herüberwehen, oder urwüchsige Walzer („Uncle Southern“). Und auch Scofields Gitarre klingt oftmals wie ein wettergegerbter Onkel aus dem Süden mit Kuhtreiberhintergrund. Der 66-Jährige verfügt inzwischen über ein schier endloses Repertoire in der Saitenbehandlung – das Instrument murmelt und zischt, wimmert und lacht unter Scofields Händen wie bei keinem sonst. Altbacken klingt das alles nicht, sondern dank des immer vorhandenen Humors augenzwinkernd frisch. Wie schon Udo Jürgens wusste: „Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran.“

Josef Engels, 13.10.2018



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