„Geschlechtsverkehr“. Ups, sie hat es wirklich gesagt, respektive gesungen. Ein Grenzgang, wahrlich. Kannte man die Sopranistin Dorothee Mields eigentlich nur als sanft entrückte, mitunter schmerzlich lächelnde Madonna der Lautenlieder oder in schönster Buße mittels geistlicher Gesänge Abbittende. Das findet sich hier natürlich auch: „Erbarm Dich mein, oh Herre Gott“, tönt es mit Heinrich Schütz in gewohnt inniglicher und feinlasierter Mields-Emphase, mit ein wenig Distanz und Zurückhaltung. Doch plötzlich hört man sie auch grell, keck, von schrillen Schellen und hart gezupften Lauten vorangetrieben, mit den kabarettistisch rauen, dabei abgefeimt süßen „Liedern eines armen Mädchens“, die Friedrich Hollaender, ausgehend von seiner damaligen Ehefrau Blandine Ebinger, ganz anderen Interpretinnen zugedacht hatte.
Doch der Krieg macht es möglich, respektive die Erinnerung daran, die auf diesem klugen Konzeptalbum drei Jahrhunderte überspannt. Nämlich den Anfang des Dreißigjährigen Krieges, der sich 2018 ebenso jährt wie das Ende des Ersten Weltkriegs. Nichts gelernt aus der Geschichte, müssen wir in diesen, neuerlich angespannten Zeiten beklommen feststellen. Dieses wie stets abwechslungsreich, konsequent im barocken Gewand instrumentierte Doppel-Album der Berliner Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner tröstet einen dafür klanglich. Oder macht einen wach. Je nachdem. Anders als bei Joyce DiDonato auf ihrem ähnlich angelegten Album gibt es hier vier, fast jahreszeitlich anmutende Aggregatszustände: Angst, Katastrophe, Vergänglichkeit, Sehnsucht. Darum gruppieren sich die mal anrührenden, mal deprimierenden Stücke von Eisler und Isaac, Scheidt und Satie plus anderen. Das ist großartig konzipiert und komponiert. Im Frühbarock wie im frühen 20. Jahrhundert. Und über allem schwebt reinigend, auch wenn man sich mal in der Gosse suhlt, der lupenreine Sopran der Dorothee Mields.

Matthias Siehler, 20.10.2018



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