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Red Messiah

Jan Felix May

Jazzline/Good To Go 4049774770562
(61 Min., 11/2016)

Messias? Echt jetzt? Um mal einen Gang herunterzuschalten: Mit dem Albumtitel „Red Messiah“ will sich der 1993 in Mainz geborene Pianist und Komponist Jan Felix May ungeachtet des jesushaften Covers nicht in erster Linie als Jazz-Erlöser von Gottes Gnaden präsentieren, sondern spielt wohl auf D'Angelos 2014 erschienene Veröffentlichung „Black Messiah“ an. Dafür spricht, dass sich der junge Deutsche auf seinem Plattendebüt punktuell der charakteristisch verschleppten Grooves des Nu-Soul-Stars bedient.
Das ist aber nur ein Element unter unendlich vielen, aus denen der vor Ideen, plötzlichen Stimmungswechseln und Genre-Potpourris schier übersprudelnde Mix der Aufnahme besteht. May gehört definitiv zu einer neuen Generation von bestens ausgebildeten Jazzmusikern, für die Techno, Pat Metheny, Gustav Mahler, Maurice Ravel, Progrock, Hermeto Pascoal oder Pop aus den 1980er Jahren nur einen Klick voneinander entfernt auf Spotify liegen.
Genialisch springt der Mittzwanziger in seinen oft mit vertrackten krummtaktigen Rhythmen versehenen Kompositionen zwischen den Stilen hin und her. Mal hört man ihn als sensiblen Romantiker im Piano-Trio, dann plötzlich als Solisten-Kauz mit einem schrägen Flötensound. Er schlüpft auch gerne in die Rolle eines DJs oder Metal-Headbangers. Die um den Schlagzeuger und Co-Produzenten Julian Camargo, E- und Kontrabassist Eduardo Sabella und Gitarrist Lukas Roos formierte Stammbesetzung reichert der quirlige Bandleader mit Auftritten von Gästen an, um das ohnehin schon vielfältige Material noch mehr auszuweiten. Der unterkühlte Soul der Sänger Torun Eriksen, das glasklare Spiel auf dem Sopransax von Kerstin Haberecht sowie die markante Erzählerstimme Christian Brückners öffnen Türen Richtung Pop, Spoken Word, Chanson und zeitgenössischen Kammerjazz.
Zu viel Durcheinander? Überraschenderweise kaum. Denn dank der Wiederaufnahme von Motiven über Stückgrenzen hinweg findet „Red Messiah“ zu einer gewissen Stringenz in seiner überbordenden Uneinheitlichkeit. Halleluja, Deutschland hat einen tollen neuen Jazzgrößenwahnsinnigen!

Josef Engels, 20.10.2018



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