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The Window

Cécile McLorin Salvant

Mack Avenue/in-akustik 0321132
(70 Min.)

Was macht einen guten Liedbegleiter aus? Dass er sich nicht zu wichtig nimmt und sich aufmerksam an die Sängerin anpasst, dass er ihrer Stimme Raum lässt, dass er feinfühlig Rhythmik und Dynamik auf ihre Interpretation abstimmt, dass er aber auch über einen eigenen Ausdruck, eigene Gestaltungskraft verfügt und damit die inhaltlich-musikalische Aussage verstärkt.
Die amerikanische Sängerin Cécile McLorin Salvant hat bei diesen Live- und Studioaufnahmen mit Sullivan Fortner einen solch perfekten Partner neben sich. Er unterstützt sie nicht nur, sondern gestaltet jede inhaltliche und klangliche Wendung mit ihr zusammen bis in die feinste Nuance. Nur einen der siebzehn Songs davon hat sie selbst verfasst; in den übrigen covert sie Klassiker aus dem American Songbook, Popsongs und weniger Bekanntes mit eigenständigen, oft gegen die gängigen Muster verstoßenden Versionen.
Nur von dünnen Klavierakkorden begleitet, wirkt ihr „Visions“ wesentlich zarter und nachdenklicher als Stevie Wonders 1973 eingespieltes Original. Sie und Fortner scheinen tatsächlich von einem utopischen Land zu träumen, bevor sie sich – nun mit Kraft – gegen den Vorwurf wehrt, unrealistischen Träumen nachzuhängen, deren Schönheit sie – nun wieder zart – andeutet.
Anders als viele Jazzsängerinnen geht sie die Lieder als musikalische Kleinode an, die aus weit mehr als Worten, Melodien, Rhythmen und Harmonien bestehen. Sie kitzelt Inhalte heraus, indem sie mit ihrer wandlungsfähigen Stimme jeder Zeile, ja sogar jedem Wort eine eigene Bedeutungsnuance verleiht. Wunderbar, wie vehement und angefressen sie sich in „By Myself“ gegen Bevormundungen wehrt und dann wieder introvertiert feststellt, eigentlich sei sie völlig allein.
Ihre bestens ausgebildete Stimme – die 1989 geborene Amerikanerin hat in Frankreich klassischen Gesang und Jazzgesang studiert – gestattet ihr, je nach gefordertem Inhalt zu hauchen, fauchen, krächzen, vibrieren, fördern, lispeln, betören, distanziert und nüchtern zu berichten oder raumfüllend zu überwältigen: ein sensationelles Ausdrucksspektrum. Seit Ella Fitzgerald und dem Gitarristen Joe Pass hat keine Sängerin mehr so großartig mit ihrem Begleiter harmoniert. Ein Meisterwerk.

Werner Stiefele, 20.10.2018



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