Responsive image
Arnold Schönberg, Anton Webern, Alban Berg, Alma Mahler u.a.

Vienna. Fin de Siècle (Lieder)

Barbara Hannigan, Reinbert De Leeuw

Alpha/Note 1 ALP393
(78 Min., 10/2017)

Die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan liebt die Extreme. Mal dreht sie etwa als freche Schulmädchen-Göre in György Ligetis „Mysteries Of The Macabre“ mächtig auf. Dann wieder singt sie Jazz, um mit ihrer ungemein beweglichen, stilsicheren und ausdrucksstarken Stimme im nächsten Moment ganz andere Chanson-Moderne in Person Erik Saties anzuvisieren. Das Erstaunliche dabei ist aber auch, dass Hannigan trotz ihres immensen Repertoireradius und Arbeitspensums zwischendurch nicht einmal kleinste stimmliche Verschleißerscheinungen zeigt. So ist denn auch ihr jüngstes Liedrecital, für das sie sich wie schon beim Satie-Album mit Pianist Reinbert De Leeuw zusammengetan hat, ein Ereignis – und künstlerisch und konzeptuell aus einem Guss.
Gewidmet ist es der Wiener Jahrhundertwende, diesem Scharnier zwischen ausklingender Romantik und aufkeimender Moderne. Nicht allein die musikalische Seelenverwandtschaft der jetzt ausgewählten Komponisten und (mit Alma Mahler einzigen) Komponistin war beachtlich. Immerhin ist der ebenfalls mit sieben Liedern vertretene Alexander von Zemlinsky nicht nur Almas Kompositionslehrer und Liebhaber, sondern auch der Schwager vom baldigen Übervater der Moderne Arnold Schönberg. Schönberg (Vier Lieder op. 2), seine Schüler Anton Webern (Fünf Lieder nach Gedichten von Richard Dehmel) und Alban Berg (Sieben frühe Lieder) sowie auch Hugo Wolf (Mignon-Lieder) gehören also mit zu einem Liederkreis, in dem das Herz der Sehnsucht musikalisch in den schillerndsten Klangfarben, mit sanftem Pathos und bisweilen bis in die Nähe zum Sprechgesang pochte. Und Hannigan bewegt sich nicht nur mit vorbildlicher Artikulationskunst durch diese eigentümlichen Liedwelten aus dem Zeitraum 1895 bis 1915. Immer auch nähert sie sich mit aller nötigen Vorsicht diesen oftmals höchstfragil anmutenden Gesängen. Zugleich baut sie in diesem so verlockend nuancenreichen und lyrisch schönen Spektrum Spannungen und Atmosphären auf, in die man sich allzu gerne hineinziehen lässt. Barbara Hannigan – sie kann´s einfach.

Guido Fischer, 03.11.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Den Dreh raus: Zu den Instrumenten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwinden, gehört die Drehleier. Mit ihrem Nachhall in den hohlen Winter-Quinten in Schuberts „Leiermann“ verabschiedet sie sich aus der Musikgeschichte. Dabei erfreute sie sich, als erstes Instrument, dass Saiten und Tastatur miteinander verband, das ganze Mittelalter hindurch noch eines hohen Ansehens, bevor sie zum Instrument der Bettler und fahrenden Musiker wurde. Den Höhepunkt ihrer […] mehr »


Top