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Leonard Bernstein

Bernstein At Harvard (The Norton Lectures 1973: „The Unanswered Question“)

Leonard Bernstein

Sony 19075850472
(1973) 13 CDs

Dass Leonard Bernstein auch abseits des konventionellen Konzertbetriebs ein genialer Musikvermittler vor dem Herrn war, ist vorbildlich in Bild, Ton und auch Schrift dokumentiert. Und bis heute gehört seine „Young Peoples´s Concerts“-Reihe, die ab 1958 in die amerikanischen Wohnzimmer übertragen wurde, mit zum Gelungensten, um Kinder und Jugendliche für die Welt der klassischen Musik zu begeistern. Sein pädagogisches Talent sollte Bernstein aber auch schon bald vor der akademischen Zunft unter Beweis stellen. 1972 wurde er von seiner alten Harvard-Uni eingeladen, für das bevorstehende Akademische Jahr die „Poetik“-Professur zu übernehmen. Kurz zuvor hatte Bernstein vom Sprachwissenschaftler Noam Chomsky dessen Abhandlung „Sprache und Geist“ verschlungen, in dem es um eine Art angeborene Universalgrammatik geht. Und Chomskys Überlegungen sollten nun auch die Steilvorlage für Bernsteins insgesamt sechs öffentliche Vorlesungen bilden, die er in Anlehnung an das berühmte Orchesterwerk von Charles Ives mit „The Unanswered Question“ betitelte.
In den längst in Buchform und in deutscher Übersetzung vorliegenden Vorlesungen stellte Bernstein die diskussionswürdige These auf, dass es in Analogie zur Sprache eben auch in der Musik ganz bestimmte Muster unterhalb der Klangoberfläche gibt, die einen universellen Charakter besitzen. Ein nicht gerade unterkomplexes Thema, das Bernstein anhand zahlloser Musikbeispiele von Beethoven über Berlioz bis Berg beleuchtete. Wobei die Beweiskette für eine „weltweite, der Welt angeborene musikalische Grammatik“ zwar doch nicht immer schlüssig durchgehalten wurde. Und trotzdem: Wer des Englischen mächtig ist, der wird sich die jetzt auf 13 CDs veröffentlichten Originalmitschnitte nicht nur wegen dieses charismatischen „Professors“ gewinnbringend einverleiben, sondern vor allem wegen seines hier unausgesprochenen, aber stets mitschwingenden Appells, selbst den vertrautesten Kompositionen doch mal mit ganz spitzen Ohren neu auf den Grund zu gehen. Die Vorlage dafür hat er – wie im Fall etwa von Mozarts großer g-Moll-Sinfonie oder Beethovens 6. Sinfonie – mit seinen spannenden Tiefenstruktur-Analysen geliefert.

Guido Fischer, 10.11.2018



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