Responsive image
Gustav Mahler

Das Lied von der Erde

Magdalena Kožená, Stuart Skelton, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle

BR Klassik/Naxos 900172
(64 Min., 1/2018)

Fritz Wunderlich, wo bist du? – Selten hat man die Abwesenheit des tragischerweise schon mit 36 Jahren verstorbenen Tenors so schmerzlich gespürt wie anlässlich dieser Produktion des „Liedes von der Erde“: Wunderlich, so hat er es in zwei hinterlassenen Aufnahmen bewiesen, hat die schwierige Partie nicht nur technisch perfekt beherrscht, sondern er vermochte den drei Tenorsolo-Sätzen dieser verkappten Sinfonie auch exakt jene herzzerreißende Melancholie zu verleihen, die ihnen als atemberaubender Schnittpunkt der jugendstilhaft ins Deutsche übertragenen altchinesischen Poesie und der Kompositionskunst Mahlers aus dem Innersten heraus zukommt. Wunderlich schaffte das, wie gesagt, auf perfekter technischer Basis vor allem über die Sprache und über die vielfältigen Färbungen, mit denen er sein Timbre mal hell auffahrend, mal dunkel glühend zum Leuchten brachte. Von all dem hört man bei Stuart Skelton praktisch überhaupt nichts: Wer die fraglichen Sätze mittels dieser Aufnahme kennenlernt, hat sie de facto nicht kennengelernt. Kaum mehr als das bloße Bewältigen der zu absolvierenden Töne lässt sich hier ausmachen – damit dies gewährleistet ist, muss auch die Sprache immer wieder zur Laut- und Silbenfolge marginalisiert werden, die im Extremfall auch den technischen Desideraten exponierter Noten angepasst wird.
Schade ist das, denn Magdalena Kožená und ihr Mann Simon Rattle machen durchaus einen guten Job: Zwar wird Kožená niemals die ruhig fließende dunkle Wärme einer Christa Ludwig oder die explizite, extravertierte Sprachaffinität einer Brigitte Fassbaender erreichen, aber es ist doch erstaunlich, wie gut sich ihr einstmals vom Lied und von der Alten Musik geformtes, dynamisch nicht allzu üppiges Material mittlerweile auch in solches Repertoire fügt.
Für die Münchner Konzertbesucher, die diese live mitgeschnittene Produktion Ende Januar 2018 im Herkulessaal erlebt haben, gab es indes noch einen anderen Star: Geiger Florian Sonnleithner, jahrzehntelang vertrautes Gesicht und Lichtgestalt am ersten Pult des BR-Symphonieorchesters, spielte hier seine letzten Dienste. Für viele Konzertbesucher ein bewegendes Ereignis – entsprechend inspiriert agierte das Orchester unter Rattles kompetenter Stabführung. Dennoch eine sehr durchwachsene Produktion, fürwahr.

Michael Wersin, 10.11.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu […] mehr »


Top