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Anonymus

„Invisible. Aus dem Verborgenen“ (Gesänge der Zisterzienserinnen)

Per-Sonat, Sabine Lutzenberger

Christophorus/Note 1 CHR 77430
(57 Min., 4/2018)

Die Spuren der Entstehung des gregorianischen Choralrepertoires verlieren sich irgendwo im ersten christlichen Jahrtausend. Sicher ist, dass die liturgische Einstimmigkeit, mit der viele Jahrhunderte lang der christliche Kultus gestaltet wurde, nicht einfach aus dem Nichts entstanden sein kann, sondern komponiert worden sein muss: Zu komplex sind die Melodien, zu delikat ist das Wort-Ton-Verhältnis, als dass diese zahllosen Gesänge für Messe und Stundengebet sich einfach aus der gesungenen Rezitation hätten entwickeln können. Freilich ist über die Komponisten dieser Musik nicht das Geringste bekannt.
Auch die über große Zeiträume hinweg nur mündlich überlieferte Musik selbst wäre vielleicht nicht erhalten, hätten nicht irgendwann gegen Ende des ersten christlichen Jahrtausends allerorten Nonnen und Mönche zu experimentieren begonnen: Auf verschiedenerlei Weise wurde das altehrwürdige Repertoire plötzlich verändert und erweitert. Melismatische Abschnitte wurden mit neu gedichteten Versen textiert, Bordune erweiterten den Klangraum, Mehrstimmigkeit wurde nach zaghaftem Beginn immer mutiger und freier erprobt, die ursprünglich ganz frei nach der Deklamation dahinfließenden Melodien erhielten rhythmische Kontur, damit Mehrstimmigkeit organisiert werden konnte – und all dies brachte auch die Notwendigkeit der Verschriftlichung der Repertoires mit sich. Eine Notation musste erfunden werden, die die komplexer werdende Musik fixierbar und reproduzierbar machte.
Sabine Lutzenberger hat in alten Quellen des 14. Jahrhunderts aus dem Umkreis der Zisterzienserinnenklöster Marienthal und Wonnenthal geforscht und ein Repertoire zutage gefördert, das genau jene Gratwanderung zwischen Einstimmigkeit, simpler Mehrstimmigkeit und früher artifizieller Kontrapunktik zum Erlebnis macht. Bisweilen bleibt in einem einstimmig begonnenen Gesang nur ein Bordunton liegen, aus dem sich eine solistische Stimme herauslöst und die kunstvoll melismatische Melodielinie allein weiterführt. Andernorts hören wir frühe mehrtextige Motetten in prächtiger klangräumlicher Dreistimmigkeit. Wieder an anderer Stelle begleitet eine Fidel improvisierend eine Sequenz – dem Umstand Rechnung tragend, dass die Nonnen verbotenerweise nicht nur mehrstimmig gesungen, sondern sogar Instrumente hinzugezogen haben, wie zeitgenössische Quellen belegen.
Die Weiterentwicklung des alten einstimmigen Choralrepertoires ist die Wiege nicht nur der geistlichen, sondern teils auch der weltlichen Mehrstimmigkeit, die die Musik des zweiten christlichen Jahrtausends so groß gemacht hat. Diesen historischen Moment nicht nur gewissenhaft erkundet, sondern auch mit bemerkenswertem interpretatorischem Instinkt und sensibler Klang- und Sprachkompetenz zum ästhetischen Erlebnis gemacht zu haben, ist das Verdienst von Sabine Lutzenberger, Christine Mothes, Tobie Miller und Baptiste Romain. Eine wirklich hörenswerte CD.

Michael Wersin, 17.11.2018



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