Willkommen in der Welt von Bohuslav Martinů! Der tschechische Komponist, den das wilde, wirre Leben zwischen 1890 und 1959 von Prag nach Paris, Italien, Amerika und schließlich in die Schweiz verschlug, war Sohn eines Türmers. Vielleicht schaute er deshalb so von oben herab auf die Tonkunst und pickte sich als ebenso kreative wie diebische Elster heraus, was ihm gefiel. So wurde er zum gar nicht schläfrigen Chamäleon, das in stetig neuen stilistischen Farben schillert. Allein 16 Bühnenstücke hat Martinů verfasst. Und jedes ist anders. Die unter Jiří Bělohlávek wieder klangschön erstarkte Tschechische Philharmonie plante bei der Decca eine Einspielung der Martinů-Sinfonien; dazu ist es leider nicht mehr gekommen, Bělohláveks Krebstod durchkreuzte die schönen Absichten.
Immerhin erschien jetzt, als letzte Einspielung des großen tschechischen Dirigenten, die erste professionelle Aufnahme von „Wovon die Menschen leben“, eine von Martinus späten Opern. Der Einakter nach Tolstoi sollte mit zwei anderen kurzen Werken als Trilogie gegeben werden. „Pastoraloper“ nennt sich das religiös unterfütterte Stück von 1952 um einen einsamen, alten Schuster, der die Menschen nicht kennt, aber in von ihm gefertigten Schuhen an seinem Werkstattfenster im Souterrain vorbeilaufen sieht. Als sich dem treuen Bibelleser Jesus ankündigt, bitte er am nächsten Tag alle zu sich, deren Schuhe ihm fremd sind, und tut ihnen Gutes. Später erst merkt er, dass auch Jesus als einer unter ihnen bei ihm war.
Jiří Bělohlávek nimmt sich ganz zurück, das Orchester ziseliert fein, die Sänger (samt dem Konzertmeister als Erzähler) machen viel aus ihren kleinen Personen-Mosaiksteinchen. Das ist so eingängig wie scheinbar simpel verfertigt, doch atmosphärisch dicht und dramatisch stimmig. Und offenbart wieder eine neue Martinů-Facette. Und eine klug ausgehörte 1. Sinfonie gibt es auch noch dazu.

Matthias Siehler, 17.11.2018



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