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Where The River Goes

Wolfgang Muthspiel

ECM/Universal 6751712
(49 Min., 2/2018)

„Never change a winning team“ – an diese aus dem Sport stammende Regel hat sich der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel beim Nachfolger der als stille Sensation gefeierten Aufnahme „Rising Grace“ mit einer Ausnahme gehalten: Anstelle von Brian Blade sitzt nun der ebenfalls hochkarätige Eric Harland am Schlagzeugset. Dieser fügt sich nahtlos in diese All-Star-Formation mit Brad Mehldau am Klavier, Ambrose Akinmusire an der Trompete und Larry Grenadier am Bass ein, die weit mehr als der Zusammenschluss prominenter Könner ist.
Die Musiker auf „Where The River Goes“ sind vielmehr ein feines Nervengeflecht in einem gleichmäßig atmenden Organismus, die feinstens auf Reize reagieren, sich gegenseitig stimulieren und in enger Abstimmung Sinneseindrücke verarbeiten. Dazu eignen sich Muthspiels offene Kompositionen mit ihrem körperwarmen Pulsieren und ihren charakteristischen Wendungen perfekt. In „Descendants“ wandert beispielsweise eine absteigende Motivfügung behutsam von Instrument zu Instrument und wird immer wieder neu betrachtet, in „For Django“ interagieren Gitarre und Klavier derart eng miteinander, dass man geradezu von einem gemeinsamen vierhändigen Solo sprechen muss. In ähnlich fast schon beängstigender telepathischer Verbundenheit agieren auch Grenadier und Akinmusire – ist es ein geblasener Kontrabass oder eine gestrichene Trompete, die man da gleichzeitig sirrend in der frei improvisierten Nummer „Clearing“ hört?
Der titelgebende Strom fließt in viele Richtungen. Er durchquert die mitteleuropäische Romantik, Pat Methenys Mittleren Westen, Skandinavien und Südamerika (in den Stücken „Buenos Aires“ und „Panorama“ greift Muthspiel klischeefrei zwischen Bossa und Flamenco schwebend zur akustischen Gitarre), um bei Ornette Coleman zu münden, der Pate gestanden haben könnte für Mehldaus eigentümliche Bluesversuchsanordnung „Blueshead“. Egal aber, was Muthspiel und seine empathischen Mitmusiker auf diesem Album spielen – immer gilt: fünf Meister, eine Seele.

Josef Engels, 23.11.2018



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