Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

MusicAeterna, Teodor Currentzis

(84 Min., 7/2016)

 

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

BPHR 180231; www.berliner-philharmoniker-recordings.com
(162 Min., 11/1987 & 6/2018) 2 CDs + 1 Blu-Ray CDs

 

Strammen Schrittes geht es gleich bei Teodor Currentzis voran, bei seiner Aufnahme von Gustav Mahlers 6. Sinfonie. Doch schon bald setzt das erste große Schluchzen ein. Und bei Takt 48ff., also da, wo das aufgeheizte Treiben langsam von den Streichern abgemildert wird, um im scheinbaren Nichts zu verklingen, lässt es sich nicht mehr leugnen: Hier hat Currentzis doch tatsächlich eine Begegnung zwischen Mahler und Tschaikowski organisiert! So pathetisch, so melossatt geht es zu. Im Laufe des Eröffnungssatzes werden aber nicht nur Streicher diese musikalische Seelenverwandtschaft beglaubigen, sondern auch die Blechbläser, die bisweilen so sehnsuchtsvoll und schicksalstrunken wie in Tschaikowskis 6. Sinfonie daherkommen. Nun könnte man vermuten, dass den Musikern um Teodor Currentzis bei den Sitzungen zur Mahler-Aufnahme noch die 2017 veröffentlichte Einspielung von Tschaikowskis „Pathétique“ im Blut lag. Aber das wäre zu kurz gedacht. Tatsächlich erinnert Currentzis mit seiner zunächst durchaus verstörenden, weil das gewohnte Mahler-Bild leicht in Schieflage bringenden Nähe zum Russen nicht nur an die gegenseitige Wertschätzung, die Tschaikowski und Mahler miteinander verband. In der sowjetischen bzw. jetzt wieder russischen Musikforschung ist man sogar so weit gegangen und hat in Person von Inna Barvosa die Frage aufgeworfen, ob nicht „Mahler ein Schüler Tschaikowskis“ gewesen sei? Von dieser Warte aus ging Currentzis nun also die Sechste Mahlers an – ohne aber den Bogen dabei zu überspannen. Und so zelebriert er mit seinem Orchester, das von kammermusikalisch bis zum überwältigenden Tutti sensationell alle Register zieht, immer auch wundervoll dieses für Mahler typisch Beklemmende und Bittersüße. Dann wieder entwickelt Currentzis Gedanke für Gedanke dieser Musik zu einem großen Leidens- und Schreckenspanorama – wobei er im Finalsatz eine derartig dunkle Grabesstimmung inszeniert, als ob es sich dabei um eine Szene aus Modest Mussorgskis „Boris Godunow“ handeln würde. Dieser Mahler, er ist nicht nur ungemein hörenswert, sondern lädt auch zur Diskussion ein. Mehr kann eine Aufnahme eigentlich nicht leisten.
Hat Currentzis gerade erst seinen Einstand als neuer Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters mit der 3. Sinfonie von Mahler gegeben, so hatte sich wenige Monate zuvor Simon Rattle für seinen Abschied nach 16 Jahren bei den Berliner Philharmonikern die 6. Sinfonie ausgesucht. Womit sich ein besonderer Kreis schloss. Denn bei Rattles philharmonischem Debüt im Jahr 1987 stand genau dieses Werk auf dem Programm. Und da beide Konzerte mitgeschnitten wurden, haben die Berliner Philharmoniker sie jetzt auf ihrem hauseigenen Label in einer schmucken Querformat-Box gegenübergestellt. Neben Currentzis kommt Mahlers auch als „Tragische“ bezeichnetes Welten- und Menschheitsdrama hier eher konventionell daher. Weder 1987 noch 2018 setzte Rattle auf Extravaganzen. Doch selbstverständlich ist der Unterschied zwischen den Aufnahmen unüberhörbar. Denn während der Debütant den Mahler-Kessel bisweilen richtig brodeln ließ, kommt die jüngste Auseinandersetzung abgeklärter daher. In beiden Fällen ist aber das bis in die feinsten Verästelungen aufgefächerte Spiel der Berliner Philharmoniker einfach fantastisch.

Guido Fischer, 01.12.2018




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