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Origami Harvest

Ambrose Akinmusire

Blue Note/Universal 6773741
(59 Min.)

Keine Frage: Ambrose Akinmusire ist einer der spannendsten Trompeter, die die USA derzeit zu bieten haben. Keiner spielt sein Instrument so wie er: Gleichzeitig traditionsbewusst und bilderstürmerisch – greinend, zeternd, seufzend, todesschwach hauchend. Er eröffnet der Trompete ganz neue Möglichkeiten des Gefühlsausdrucks.
Von Zorn, Trauer und Auflehnung ist die vierte Einspielung des 36-Jährigen aus Oakland für das „Blue Note“-Label geprägt. Und wenn der RONDO-Kollege bei der Besprechung des Album-Vorgängers „A Rift In Decorum“, einem Live-Mitschnitt aus dem Village Vanguard, noch Akinmusires stilistische Verortung im klassischen akustischen Jazz ab 1950 hervorhob, so gilt das jetzt jedenfalls nicht mehr.
„Origami Harvest“ ist eine Suite, die sich bewusst der afroamerikanischen Musik der Gegenwart widmet, mit Trap-Beats von Schlagzeuger Marcus Gilmore, synthetischen Bässen von Keyboarder Sam Harris und dem Conscious Rap von Kool A.D., einem düsteren Sprechgesangpoeten. Aus dieser HipHop-Crew wird mit der Hinzunahme des Saxofonisten Walter Smith III eine experimentelle Jazzrock-Formation, in der Synthesizersoli tinnitushaft schmerzhaft klingen wie ein Theremin mit Zahnweh („Americana/The Garden Waits For You To Match Her Wilderness“) oder die Trompete über einen Jimi-Hendrix-Groove ausrastet wie ein böser Rachegeist („The Lingering Velocity Of The Dead's Ambitions“).
Als drittes Element holt Akinmusire das New Yorker Mivos-Streichquartett hinzu, das mit seiner Modernität in Sachen Saitentraktierung und rhythmischer Konsistenz die Streichbeilagen vieler anderer Jazzeinspielungen aus jüngerer Vergangenheit alt aussehen lässt. Scratchen, Kreischen, ein patternhaftes Kreisen wie von einem DJ mit Steve-Reich-Tick programmiert: Das ist für das Mivos Quartet alles eine Selbstverständlichkeit.
Das Hohe und das Niedere, das Intellektuelle und das Brutale verbinden sich auf „Origami Harvest“ allerdings nicht, sondern existieren in Parallelgesellschaften. Es ist eine bewusste Entscheidung des Komponisten Akinmusire, der damit die Spaltung der USA hörbar machen will. Deshalb werden unter anderem die Namen von Afroamerikanern aufgezählt, die Opfer tödlicher Polizeigewalt wurden. Im Stück „Free, White and 21“ pfeift der Trompeter immer wieder, schief und fies. Für Schönheit ist in dieser Welt offenbar kein Platz. Die Message versteht man wohl. Doch die allzu schroffen Kontraste fördern nicht unbedingt ein tieferes Verständnis, sondern führen beim Hörer öfters zu einer gewissen Ratlosigkeit.

Josef Engels, 08.12.2018



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