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Miniatures

Eva Klesse Quartett

Yellowbird/Soulfood ENJ 9766
(50 Min., 1/2018)

1962 wurde in Dresden der erste Jazzstudiengang in Deutschland ins Leben gerufen. Geschlagene 56 Jahre später gibt es jetzt auch endlich die erste weibliche Professorin in einem Instrumentalfach: Eva Klesse, die seit Frühjahr 2018 an der Jazzabteilung der Hochschule für Musik, Tanz und Medien in Hannover fürs Schlagzeug zuständig ist.
Dass Geschlechterfragen zukünftig auch im Jazz keine Rolle mehr spielen sollten, macht die Drummerin mit der neusten Einspielung ihres Quartetts mehr als deutlich. Da präsentiert sich Klesse nämlich in erster Linie als Vertreterin einer berührungsangstfreien Generation, die souverän sämtliche Jazz-Erscheinungsformen der Gegenwart beherrscht, selbstverständlich zwischen klassischen Einflüssen und improvisatorischem Ausdruck vermittelt und die Untiefen des freien Spiels genauso kennt und schätzt wie die vermeintliche Seichtigkeit des Pop.
Dafür liefert die Eröffnungsnummer „Ballade auf 2 Beinen“ ein gutes Beispiel, die zwar von einer Textzeile aus der Feder eines Jan Delay inspiriert wurde, aber unbeirrt ihren eigenen Weg geht. Da nehmen sich alle Bandmitglieder inklusive der hauchzart trommelnden Anführerin enorm zurück, um Robert Lucacius in allen erdenklichen Varianten schnurrenden und greinenden Bass das Feld zu überlassen.
„Miniatures – Ten Songs for Chamber Jazz Quartet“ lautet der Albumtitel in voller Länge. Aber wer da akademische Kälte erwartet, irrt. Die Stücke von Klesse, Saxofonist Evgeny Ring und Pianist Philip Frischkorn sind vielmehr verspielte Kunstlieder voller Wärme, Wahnsinn und Witz. Rings „Orm“ etwa entwickelt auf der Grundlage einer insektenhaft wuselnden Klavierfigur ein beachtliches Eigenleben – Saxofon und Bass kommentieren das rasante Geschehen von Piano und flexiblem Schlagzeug mit eigentümlich gesetzten Unisono-Kürzeln.
Frischkorns „M's Dreaming“ hingegen wirkt mit seinem verkanteten Groove wie eine atonale Antwort auf Herbie Hancocks „Maiden Voyage“. In „Gravity“ beschwört Klesse das Bild eines knarzenden Segelschiffs herauf, das sich unversehens in ein elegant über den Pedalton von Sax und Bass dahingleitendes Ruderboot verwandelt. Dann steigt plötzlich John Coltrane hinzu und bringt die ganze Sache ins Kippen, bis der Kahn schließlich ganz langsam versinkt.
Noch turbulenter geht es im „Irischen Reisefluch“ zu, bei dem Klesse irische Volksweisen, Heavy Metal sowie ein sich übergebendes Saxofon und einen schwer magenverstimmten Bass zusammenbringt. Aber von wegen Fluch: Die Schlagzeugprofessorin und ihre hellwachen Kammerjazz-Mitstreiter zeigen mit ihrem dritten Album, dass sie ein geschlechterübergreifender Segen für die europäische Szene sind.

Josef Engels, 15.12.2018



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