Er ist das beste Beispiel dafür, dass man sein musikalisches Erweckungserlebnis nicht früh genug haben kann. Auf das Jahr genau kann Riccardo Chailly zwar auch nicht mehr sagen, wann er zum ersten Mal eine Musik hörte, die ihm sofort in den Herzmuskel schoss. Es war auf jeden Fall Anfang der 1960er, wie er einmal erzählt hat. Dementsprechend war der kleine Riccardo gerade einmal acht, neun Jahre alt, als ihn sein Vater – seines Zeichens Direktor für klassische Musik bei der RAI – kurzerhand in einer Orchesterprobe des RAI-Orchesters parkte. Und so hörte der Sohnemann zu, wie Zubin Mehta die 1. Sinfonie von Mahler einstudierte. Wie sich Chailly heute noch allzu gut erinnern kann, wurden nicht nur seine Augen und Ohren bei diesen Klängen immer größer. „Ich war von dieser Musik derart überwältigt, dass ich nicht wusste, ob ich weinen oder schreien soll.“ Mahler reizt halt an sich zum großen Pathos.
Den Mahler-Virus hatte sich Chailly also schon früh eingefangen. Doch zum Glück sollte er ab 1986, damals noch als Chefdirigent des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin, mit der Aufnahme der von Deryck Cooke komplettieren Fassung von Mahlers 10. Sinfonie eine Gesamteinspielung starten, die bei aller emotionalen Tiefe nie gefühlig aus dem Ruder lief. Vielmehr schloss Chailly 2004, nun mit seinem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra, mit der Neunten einen Zyklus ab, der dank der kühn aufgerissenen Horizonte und phänomenalen Durchsichtigkeit des orchestralen Gewebes immer auch die klangsprachlich visionäre Sprengkraft Mahlers in den Mittelpunkt stellte.
Chaillys Mahler gehört daher immer noch zu den unbestritten packendsten und bewegendsten Gesamteinspielungen. Weshalb sie nun auch einen Ehrenplatz in der umfangreichen „Symphony Edition“ einnimmt, mit der Chaillys jahrzehntelanger CD-Partner Decca dem Italiener zum 65. Geburtstag gratuliert. In 40 Jahren hat Chailly auch als Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und als Gastdirigent etwa der Wiener Philharmoniker das sinfonische Kernrepertoire mal komplett (Beethoven, Brahms, Bruckner, Schumann), mal in Ausschnitten (Mendelssohn, Tschaikowski, Prokofjew) zupackend modern, aber zugleich auch mit diesem Gespür fürs Gesangliche aufgenommen, das so eben nur Italiener besitzen. Und wenngleich die Ausflüge ins 20. Jahrhundert eher spärlich waren, so konnte er ganz schön Druck im Orchesterkessel aufbauen – etwa für die Maschinenmusik „Die Eisengießerei“ von Alexander Mossolov. Schade nur, dass Chaillys jüngste, prickelnde Aufnahme von Strawinskis „Le sacre du printemps” mit dem Lucerne Festival Orchestra nicht berücksichtigt wurde.

Guido Fischer, 22.12.2018



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