Es war die pure barocke Propaganda: „Le ballet royal de la nuit“, in dem Ludwig XIV. 1653 zum Sonnenkönig wurde. Ludwig hatte freilich nicht nur Spaß am Tanz und Tand, er erkannte schnell den staatstragenden Wert dieser Auftritte. Die waren ein fast alle Sinne beschäftigendes Gemeinschaftswerk der darstellenden Künste, komponiert aus Rezitation, Gesang, Tanz, Musik, Ausstattung. Überlegen zusammengestellt und dramaturgisch gestaltet, eingeteilt in vier Partien oder „Wachen“, in denen das allegorische, den Souverän verherrlichende Geschehen abrollte – bis hin zum finalen Sonnenaufgang. Diese siebenstündige Abendunterhaltung wurde auch musikalisch als Gemeinschaftswerk bewältigt, leider weiß man nicht mehr genau wie. Trotzdem hat es vor drei Jahren – zum 300. Todestages des Königs – der Musikologe und Dirigent Sebastien Daucé rekonstruiert und neu komponiert. Als einem Ludwig XIV. durchaus würdiges CD-Buch kam es seinerzeit als Doppelalbum heraus. Der König konnte fortan zur weitgehend originalgetreuen Musik tanzen, die Daucé bei Jean de Cambefort, Antoine Boesset, Louis Constantin, Michel Lambert, Francesco Cavalli und Luigi Rossi gefunden hatte.
Zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft erscheint die aufwendig gestaltete Enhanced Edition, mit einer weiteren Stunde Musik auf einer dritten CD sowie der DVD der Bühnenfassung, für die sich das Ensemble Correspondances mit der Choreografin und Ausstatterin Francesca Lattuada zusammengetan hat. Entstanden ist ein minimalistisch elegantes Spektakel auf leerer, nebelumwaberten, von transparenten Vorhängen verhüllter Bühne. Mit durch die Luft fliegenden und Räder schlagenden einäugigen Graumenschen, einem Tanz der Stunden, vorbeidefilierenden antiken Gottheiten, einem Teufel auf Rädern, Kindern, Zwergenkönigen, pink Perückten, Wölfen, fächerschwingenden Spanierinnen, Peitschenmenschen, Monstern, einem Mondhasen, bärtigen Männern im Reifrock, die vor ihrer nackten Brust mit Bällen jonglieren – und schlussendlich auch mit Ludwig XIV. als schwarzer Drag Queen in knallroten Kinky Boots bis in den Schritt. Das ist in seiner revuehaften Bilderfolge ein bisschen Genderdiskurs, ein wenig Parodie, eine Prise Zirkus, vor allem aber ein optisches Schauvergnügen. Zu dem das akustische auf allerhöchstem Niveau hinzukommt.

Matthias Siehler, 22.12.2018



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