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The Art Ensemble of Chicago and Associated Ensembles

The Art Ensemble of Chicago and Associated Ensembles

ECM/Universal 6792089
(1110 Min., 1978 - 2015) 21 CDs + Buch CDs

Blicken wir zurück. Die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) wurde 1962 in Chicago gegründet, um avantgardistischen Jazzmusikern Aufführungsmöglichkeiten zu schaffen und Kindern Musikunterricht anzubieten. Aus diesem Kreis von Musikern entstand vor 50 Jahren neben anderen, weniger bekannten Formationen das „Art Ensemble of Chicago“: ein unkonventionelles, für die weitere Geschichte der improvisierten Musik bahnbrechendes Ensemble, das Theatralisches, Rückgriffe auf afrikanische Traditionen, Jazz, Free Jazz, die Kultur der Happenings und des Fluxus vereinte und das Jazzpublikum spaltete. Für die einen verkörperten die Herren aus Chicago den Untergang des Jazz und für die anderen die Zukunft des Genres.
Aber brachten die musikalischen Revoluzzer aus Chicago mit ihren Konzerten und Platten tatsächlich den neuen Jazz auf die Bühne und in die Wohnzimmer? Oder etwas anderes? Die Firma ECM hat nun auf 21 CDs jene Aufnahmen vereint, die das Art Ensemble und prominente Musiker aus seinem Umkreis für das Label aufgenommen haben. Diese Vielfalt regt zum Nachdenken an, zumal der Gründer des Labels, Manfred Eicher, im 300 Seiten starken Begleitbuch berichtet, in den 1960ern habe er die Musik des Art Ensemble als „aufregendes Modell für improvisierte Kammermusik“ empfunden – also einer Gattung, die weit mehr als Jazz umfasst.
Trotz dieser Begeisterung dauerte es übrigens noch ein Jahrzehnt, bis im Mai 1978 die erste ECM-Platte des Ensembles aufgenommen wurde: „Nice Guys“. Sie begann mit dem Free-Gewimmel „Ja“ und war mit der Ethno-Geräusch-Collage „Folkus“ der Neuen Musik und den Happenings des Fluxus näher als dem Jazz. Auf dem Album „Full Force“ setzte sich dies in „Magg Zelma“ fort. Unterliegt also tatsächlich einer Fehleinschätzung, wer das Art Ensemble dem Jazz zuordnet? Ja. Und nein, denn zwischen all dem Ungewohnten fanden sich stets groovende, swingende Titel, die – etwas schräg und liebevoll ironisch – Jazzgepflogenheiten aufgriffen. Das klang (und klingt) humorvoll und frech und war wohl ernsthafter und seriöser, als es den damaligen Einschätzungen der umtriebigen Unruhigen entsprach.
Wie nahe an der zeitgenössischen „E-Musik“ einige Musiker des Art Ensemble komponieren, zeigen unter anderem Roscoe Mitchells Discs „Nine To Get Ready“, „Compositon/Improvisation“, „Far Side“ und „Bells For The South Side“ sowie „Divine Love“ von Wadada Leo Smith und „Boustrophedon“ von Evan Parker. Auch die „Ancestral Meditation“ auf dem Doppelalbum „Urban Bushman“ des Art Ensembles erinnert eher an die Ein-Akkord-Konzerte von La Monte Young als an Jazz, und in der „Suite For Lester“ des Art Ensembles finden sich barock anmutende Momente. Andererseits greift der Trompeter Lester Bowie auf den Scheiben „Avant Pop“, „The Great Pretender“ und „All The Magic“ Popsongs, Funk und Spirituals auf. Der Schlagzeuger Jack DeJohnette wiederum blieb auf den Alben seiner Band „New Directions“ und „Made In Chicago“ näher an der Tradition des Jazz.
Diese Vielfalt macht den Reiz dieser Box aus. Und die Menge und Qualität der Fotos. Und die kluge Einführung von Steve Lake sowie exzellente Essays von Craig Taborn, Vijay Iyer and George Lewis zu einzelnen Aspekten der Musik. Und die Grafik des Begleitbuchs sowie die insgesamt edle – und doch von Understatement geprägte Aufmachung. Die nummerierte Edition ist nicht nur ein Sammlerstück. Sie fordert vor allem zum (Neu)Hören der Musik einer der bedeutendsten Künstlergruppen der amerikanischen Musikszene heraus. Und zum Nachdenken über das Verhältnis von improvisierter Kammermusik und Jazz.

Werner Stiefele, 22.12.2018



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