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People Of The Sun

Marcus Strickland Twi-Life

Blue Note/Universal 6792334
(44 Min.)

Als der Saxofonist Marcus Strickland 2002 den dritten Platz im renommierten Thelonious-Monk-Wettbewerb erreichte, kaufte er sich von dem Preisgeld kein besseres Instrument. Sondern moderne Computer-Software und eine alte Bassklarinette, um den charakteristischen Sound von Produzenten wie J Dilla oder Madlib emulieren zu können.
Diesem Forschergeist ist der 1979 in Florida geborene Bläser auch auf seinem achten Album verpflichtet. Strickland sieht die Geschichte der afroamerikanischen Musik als eine Einheit, die sich nicht isoliert portionieren lässt. Westafrikanische Percussion, kerniger Hardbop, Sprechgesang, R&B – all das steht bei ihm wie selbstverständlich nebeneinander.
Entsprechend begnügt sich Strickland nicht mit seiner Rolle als kraftvoller Tenorsaxofonist in der Nachfolge eines Sonny Rollins, sondern ist auf „People Of The Sun“ gleich in mehreren Rollen zu hören: als Drum-Programmierer, Keyboarder, Bassklarinettist und sogar als Blockflötenspieler. Souverän zeigt Strickland sein Können in den verschiedensten stilistischen Bereichen.
So switcht er im Stück „Timing“ von der Bassklarinette à la Bennie Maupin über die Indie-Rockjazzmelodik eines Donny McCaslin bis hin zum Tenorfuror eines Branford Marsalis, stattet mit den Nummern „Rentlessness“ und „Build“ dem Groovejazz der 1960er Jahre formvollendet einen Besuch ab, um zwischendurch immer wieder in der Gegenwart asymmetrisch schunkelnder HipHop-Beats, Autotune-inspirierter Vocoder-Stimmen und poetischer Rap-Einsichten über das zerrissene Selbstverständnis afroamerikanischer US-Bürger anzukommen.
Dabei entwirft Strickland mit Sängern oder Rappern wie Bilal und Pharoahe Monch kein so düsteres Bild, wie es etwa Kollege Ambrose Akinmusire auf seiner Aufnahme „Origami Harvest“ zeichnete. „You were born to be great, not a coward“, heißt es etwa in „Aim High“. Mit dem Wissen der Vergangenheit selbstbewusst positiv auf das Morgen schauen: Das ist Stricklands Blickrichtung.

Josef Engels, 05.01.2019



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