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Franz Schubert

„Un-Finished“ (Lieder in Orchesterfassungen von Brahms und Webern, Sinfonie Nr. 7)

Florian Boesch, Concentus Musicus Wien, Stefan Gottfried

Aparté/harmonia mundi AP189
(66 Min., 4/2018)

Erstmals nach dem Tod Nikolaus Harnoncourts meldet sich der Concentus Musicus Wien mit der vorliegenden Veröffentlichung auf dem CD-Markt zurück. Das Programm ist ein spektakuläres, wenn nicht gar ein etwas verqueres: Es besteht einerseits aus Orchestrierungen einiger Schubert-Lieder, verfertigt von Anton Webern und Johannes Brahms, andererseits aus der sogenannten „unvollendeten“ Sinfonie in einer vollendeten viersätzigen Version.
Die Vervollständigung der h-Moll-Sinfonie folgt der Edition von Benjamin-Gunnar Cohrs und Nicola Samale, die den im Detail unvollendeten dritten Satz (Scherzo) der Sinfonie ergänzten und als Finale den ersten Satz der Schauspielmusik „Rosamunde“ anfügten. Ein engagiertes Essay zu diesem in der Schubertforschung seit Langem umkämpften komplexen Thema ist auf der Website von Cohrs zu finden (allerdings nicht unter der Internetadresse, die im Beiheft der CD angegeben ist). Der Beihefttext des Dirigenten der Aufnahme, Stefan Gottfried, ist hingegen sehr knapp gehalten und liefert leider keine fundierten Informationen zu dieser diffizilen Materie. Allerdings scheint es zwischen dem Concentus Musicus Wien und dem Herausgeber noch nach den Aufnahmearbeiten zum vorliegenden Album Meinungsverschiedenheiten gegeben zu haben: Cohrs beklagt an anderer Stelle seiner Website, das Ensemble habe die Sinfonie im Juli 2018 mit vertauschter Satzfolge öffentlich aufgeführt, ohne dies mit ihm abgesprochen zu haben.
Wie auch immer: Die Darbietung der Sinfonie als solche darf als weitgehend gelungen, wenngleich nicht als außergewöhnlich inspiriert gelten. Die harten Kontraste im ersten Satz etwa, die innerhalb der Durchführung in die raumgreifend beklemmende Präsenz des ersten Themas münden, hätten schon in der Exposition klarer herausgearbeitet werden können: Das Schubert-typische Spannungsfeld zwischen Idyll und Zerstörung desselben wären dann entsprechend klarer zutage getreten. Als begleitendes Ensemble in den Liedbearbeitungen von Brahms und Webern agiert der Concentus Musicus Wien recht sensibel und differenziert, sodass Florian Boesch – auf seine vor allem bezüglich der Sprachbehandlung sehr spezielle, unverwechselbare Art – seine interpretatorischen Intentionen mit breiter dynamischer und klangfarblicher Skala mühelos umzusetzen vermag. Die Orchesterbearbeitungen der Lieder erscheinen so für diejenigen Hörer, die in der Duo-Intimität von Gesang und Klavier nicht unbedingt das alleinige Ideal sehen, als interessante Erweiterung des Farbenspektrums.

Michael Wersin, 05.01.2019



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