Lange als eines der typischen Frühwerke der Galeerenjahre kaum beachtet, avancierte Verdis zehnte Oper und die erste von drei Shakespeare-Vertonungen seit den Siebzigern zu einem seiner zentralen, meistaufgeführten Stücke. Oft jedoch wird es in einer Mischfassung aus der Florentiner Urversion von 1847 und der 1865 für Paris umgearbeiteten, deutlich verbesserten Werkgestalt gegeben und auch aufgenommen. An sehr guten Einspielungen herrscht kein Mangel, mit Abbado, Muti (die ’47er-Teile als Anhang), Chailly und Sinopoli haben sich alle wichtigen jüngeren italienischen Dirigenten um die Oper verdient gemacht. Selbst die Urfassung wurde bereits 1978 von der BBC und 1997 beim Festival Valle’Itria dokumentiert.
Warum macht also von dieser direkteren, dramaturgisch als Crescendo sich steigernden Version eine dritte diskografisch Sinn? Weil Fabio Biondi in diesem Mitschnitt aus Warschau erstmals mit seinem Europa Galante-Ensemble sehr überzeugend auf zeitgenössischen Instrumenten spielen lässt. Dieser Verdi klingt deshalb nicht besser, nur etwas rauer und roher, dynamisch noch biegsamer – was seiner spezifischen tinta gut ansteht. Wir verzichten also auf einen Hexenchor und die Balletteinlage, hören die höhnische „Trionfai“-Cabaletta der Lady und ihr Duett mit dem Ehemann am Ende des 3. Aktes. Der Flüchtlingschor „Patria opressa“ ist hier weniger avanciert, die Orchestrierung der finalen Schlacht anders. Dafür stirbt Macbeth mit einem ungewöhnlichen (heute meist in die Zweitfassung übernommenen) Monolog, und der Schlusschor fehlt. Leider sind aber die Sänger höchstens zweitklassig: der dröge Giovanni Meoni in der Titelrolle, der brave Bass Fabrizio Beggi (Banco), der gellende Tenor Giuseppe Valentino Buzza (Macduff) oder noch schlimmer – wie Nadja Michael. Vor zehn Jahren in der Rolle vielgebucht, ist diese Lady hier Pein und Ärgernis zugleich: ein Primadonnen-Surrogat mit scheppernder Stimme, teutonischem Tonfall, rhythmischen Unsicherheiten, ärgerlichem Lispeln und zerstörter Höhe.

Matthias Siehler, 05.01.2019



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