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Johannes Brahms

Ein deutsches Requiem op. 45

Carolyn Sampson, André Morsch, Cappella Amsterdam, Orchestra of the Eighteenth Century, Daniel Reuss

Glossa/Note 1 GCD921126
(70 Min., 5/2018)

Die historisierende Aufführungspraxis, ehemals angewendet auf Werke der Barockzeit und noch früherer Epochen, hat bekanntermaßen längst auch die Musik des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts erreicht. Während die Wiederbelebung von originalem Instrumentarium eigentlich jeder Epoche ein Gewinn sein kann, bleiben bei der Übertragung vokaler Tugenden aus der Alten Musik auf Werke jüngerer Epochen Fragezeichen stehen: Freilich übt die Möglichkeit, ein oratorisches Werk wie das Requiem von Johannes Brahms mit 42 vergleichsweise jungen, ausgebildeten Stimmen aufzuführen, einen unwiderstehlichen Reiz auf jeden Dirigenten aus, der nach einer Optimierung des Chorklangs strebt. Aber historisch ist das natürlich überhaupt nicht: Von einem Laienchor von 100 oder sogar deutlich mehr Stimmen jeden Alters wäre hier für die originale Aufführungssituation wohl eher auszugehen.
So beglückend homogen jedenfalls wie auf dieser CD, dazu noch so vibratofrei und glatt hat das Werk zu Brahms‘ Zeit sicher niemals geklungen. Und man fragt sich beim Hören sogar, ob die Glätte der Darbietung tatsächlich dem Ausdruckspotential des Werkes gerecht wird: Ein textlich-inhaltlicher Aspekt wie „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ (zweiter Satz) kommt auf diese Weise jedenfalls weniger überzeugend zur Geltung, evoziert die elysische Klanglichkeit doch von vorn bis hinten nur den Gesang der „Erlöseten des Herrn“, auf die in der Schlussfuge desselben Satzes (allerdings erst prophetisch) verwiesen wird.
Spaß beiseite: Ohne Zweifel gelang Daniel Reuss eine großartige Aufnahme, aber über ein historisierend wirklich korrekt angelegtes Miteinander von vokaler und instrumentaler Ebene sollte in der entsprechenden Szene durchaus einmal nachgedacht werden. Etwas blass und unfokussiert bleibt – um noch einen Blick auf die vergleichsweise wenig beschäftigten beiden Vokalsoli zu werfen – der Bassist André Mosch. Thomas Allens Umsetzung der Partie unter Sawallisch bleibt hier nach wie vor als Ideal im Raum stehen. Ambivalent wie in letzter Zeit öfters die einst so unschlagbare Carolyn Sampson: Sie beherrscht das schwierige Sopransolo im fünften Satz perfekt, aber ihre Stimme zerfließt immer wieder durch scheinbar schwer kontrollierbares Vibrato. Erst am Ende des Satzes gelingt ihr ein mitreißendes Finale, das an die besten Einspielungen dieses Satzes mühelos heranreicht.

Michael Wersin, 26.01.2019



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