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Musical Prophet

Eric Dolphy

Resonance Records/H´Art HCD 2035
(159 Min., 7/1963) 3 CDs

Die Traditionslinie von Swing, Bebop, Hard Bop, Cool- und Free-Jazz war Eric Dolphy zu eng. Anregungen für seine eigene Musik holte sich der 1928 geborene Saxofonist und Komponist auch bei der zeitgenössischen Musik der 1950er Jahre. Er war sogar unter anderem 1962 an einer Aufführung von Edgard Varèses „Density 21.5“ am Ojai Music Festival in Kalifornien beteiligt; außerdem war er im Dezember 1961 sowohl Mitglied im Doppel-Quartett, das Ornette Colemans „Free Jazz“ einspielte, als auch in der Formation, die an den beiden Tagen davor die von Gunther Schuller und Jim Hall komponierten Third-Stream-Stücke „Abstraction“ sowie „Variants On A Theme Of Thelonious Monk“ aufgenommen hatte.
Diese Suche nach Neuem prägt auch die Sessions vom 1. und 3. Juli 1963, die in den LPs „Iron Man“ und „Conversations“ mündeten – beide nur schwer erhältliche Sammlerstücke. Jetzt liegen sie zusammen mit Bonus-Tracks im 3-CD-Pack „Musical Prophet“ vor – allerdings nur in Mono-Fassungen, die sich im Besitz von James Newton befunden hatten und mittlerweile in der Library of Congress lagern, während die Stereomaster der LP-Veröffentlichungen verschollen sind.
Die eigentliche Sensation der Veröffentlichung ist der Bonus-Track „A Personal Statement“ vom 2. März 1964 mit dem Countertenor David Schwartz sowie dem damals noch an Neuer Musik interessierten Bob James (der später einer der bekanntesten Vertreter des fahrstuhltauglichen Smooth Jazz wurde).
Die Duette „Alone Together, „Muses For Richard Davis“, „Ode To Charlie Parker“ und Come Sunday“ mit dem Kontrabassisten Richard Davis lassen beider Offenheit für eine Musik jenseits der Jazzgrenzen spüren. Abgesehen von kleineren swingenden Passagen agiert Davis hier nicht als Begleiter, sondern als selbständiger, virtuoser Partner bei einer Art von improvisierter und teil-komponierter Kammermusik. Zwei grandiose Solo-Improvisationen Dolphys über die von Ned Washington und Victor Young komponierte Nummer „Love Me“ krönen diesen Anteil der in Kleinstbesetzung aufgenommenen Titel.
In den mit größerer Besetzung eingespielten Titeln vereint die Band Improvisationslust mit ausgearbeiteten Teilen. „Iron Man“ und „Mandrake“ hingegen entstanden mit einem Nonett, für „Burning Spear“ gesellte sich noch ein zweiter Bassist zum Tentett hinzu. Dazu kommen das spanisch angehauchte „Music Matador“ in Sextettbesetzung und eine Quintettversion von Fats Wallers „Jitterbug Waltz“.
Dichte und Intensität dieser Titel wirken wie Vorboten von Dolphys acht Monate später eingespieltem Meisterwerk „Out To Lunch“. Wenig später starb der zuckerkranke Dolphy am 29. Juni 1964 in einem West-Berliner Krankenhaus an einer Fehldosierung von Insulin.

Werner Stiefele, 02.02.2019



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