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Lucent Waters

Florian Weber

ECM/Universal 6751588
(42 Min., 9/2017)

Passend zum Namen des Albums „Lucent Waters“ wirken die acht Titel klar und durchsichtig. Nur: Was vordergründig so transparent wirkt, lässt am Grund auch Schattierungen, Wellen und Lichtreflexe erkennen. Dies zeigt sich schon im ersten Stück: In „Brillant Waters“ setzt Florian Weber seine Klaviertöne zart und leise. Indem sie sich an rauen Klängen des Kontrabasses und dem kieseligen Reiben des Schlagzeugs reiben, nehmen sie vorweg, was das gesamte Album prägt: Die Grundideen der Stücke wurden von Florian Weber definiert. Die Ausführung aber ist – bei Grundabsprachen über zentrale Punkte – weitgehend als akustische Klangmalerei improvisiert.
In diesem akustischen Bilderreigen funkeln in „Melody Of A Waterfall“ blitzende Klaviertöne, während die Kontrabassistin Linda May Han Oh und der Schlagzeuger Nasheet Waits das Geröll andeuten, das diese umfließen und auf das sie aufschlagen, so dass die Töne des Klaviers stellenweise wie aufsteigende Luftblasen blubbern. Im Gegensatz dazu leiten gleichmäßige Wellenbewegungen des Klaviers „From Cousteau’s Point Of View“ ein. Hier setzt Ralph Alessi weiche Trompetenmelodien über das impulsive, verschlungene Treiben von Klavier, Bass und Schlagzeug: ein herrlicher Kontrast. Eine tastende Atmosphäre prägt die folgende Trionummer „Honestlee“ – eine Hommage an Lee Konitz.
Im folgenden „Butterfly Effect“ übernimmt Alessi wieder eine tragende Rolle, wobei er zunächst im Ensemble mitschwimmt, bevor er sich über Piano, Bass und Schlagzeug mit drängenden, verschlungenen Figuren hinwegsetzt. Doch dabei bleibt es nicht: Das Stück ebbt ohne ihn im Trioformat aus. Dieser Wechsel von Trio und Quartett, Hinter- und Vordergründen, Intensität, Rhythmen, Färbungen prägt das gesamte Album. So findet auch die impulsive Einleitung der Trionummer „Time Horizon“ in zurückgenommenen sowie in hart pulsierenden Passagen Widerparts, und auch das Quartettstück „Fragile Cocoon“ mäandert zwischen langsamen, tastenden und kraftvollen Momenten.
Wenn mit dem finalen „Schimmelreiter“ Theodor Storms Novelle gemeint ist, dann wäre auch dies ein Wasserthema, denn der Deichgraf Hauke Haien widersetzte sich zunächst den gängigen Konstruktionsnormen, konnte danach die Reparatur des alten, überkommen gebauten Deichs nicht durchsetzen und ertrank schließlich in den Meeresfluten: ein Sinnbild dafür, dass auch das Überlieferte, Traditionelle Bedeutung hat. Dies könnte auch für Florian Webers Musikauffassung gelten, denn er schafft das große Kunststück, seine improvisierenden Partner so auszuwählen und zu führen, dass eine in sich schlüssige, von innerer Harmonie geprägte, frei fließende Musik entsteht. Das Wasser, in dem der Schimmelreiter ertrank, war wild und trüb. Der Abgesang auf ihn wirkt eher mystisch und verhangen.

Werner Stiefele, 09.02.2019



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