Mozart im Kreise weniger bekannter Zeitgenossen: Es ist immer gut, die Perspektive über das weithin Bekannte hinaus zu erweitern. Und so steht in diesem Rezital Mozarts Gräfinnen-Arie „Dove sono“ neben einer Cavatine aus Giovanni Paisiellos „Barbiere di Siviglia“ und Mozarts „Martern aller Arten“ neben einer Arie aus Vicente Martín y Solers „Burbero di buon cuore“. Die Nummern von Traetta, Paisiello und Soler verblassen keineswegs neben Mozarts Meisterstücken, was auch der sorgsamen und umsichtigen Gestaltung des Orchesterparts durch das Sinfonieorchester Basel unter Leitung von Ivor Bolton zu verdanken ist. Nein – vielmehr wird deutlich, was man sich vielleicht noch zu selten klarmacht: Auch ein Mozart, der freilich zumeist Außergewöhnliches lieferte, arbeitete nicht im luftleeren Raum.
So weit, so gut. Nicht restlos zu überzeugen vermochte den Rezensenten bei all dem allerdings die Solistin Olga Peretyatko. Die 1980 geborene Russin ist mittlerweile schon über ein Jahrzehnt gut und fest im Klassik-Business verankert, gefragt, gefordert. Stimmen verändern sich, das ist klar. Aber geht man, YouTube sei Dank, in der Karriere von Olga Peretyatko eine halbe Dekade zurück und vergleicht, im Detail, ähnliches Repertoire mit dem, was auf dieser CD zu hören ist, dann fällt auf: Die noch niemals – auch nicht bei Mozart – schlank geführte Stimme wirkt, zumindest auf einigen Vokalen, in der Mittellage noch etwas dicker als sonst. Das erschwert die Übergänge, vor allem in die Höhe, aber auch in die Tiefe. Hinzu kommt hier und da eine leichte Müdigkeit im Vibrato dieser freilich noch nie vibratoarmen Stimme. Gewisse Härten in der Höhe – etwa bei der Gräfinnen-Arie – und leichte Intonationstrübungen hier und da runden das Bild. Die Stimme erblüht nicht mehr reibungsfrei in ihrer einstigen jugendlichen Kraft. Muss sie auch nicht, könnte man mit Blick auf das Geburtsjahr einwerfen. Mag sein – doch auch zu Ermüden bräuchte sie jetzt definitiv noch nicht: Die gesunde Reifung einer Sopranstimme im mittleren Karriereabschnitt ist bei behutsamer Pflege absolut möglich. Aber sie ist eben nicht garantiert.

Michael Wersin, 09.02.2019



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