Die Ruhe vor dem sinfonischen Sturm. Das nervöse Brodeln. Die Gespanntheit. Man hört dies alles schon in dem ersten, auffahrenden Motiv der acht Hornisten zu Beginn von Gustav Mahlers 3. Sinfonie d-Moll. Unter Leitung seines aufstrebenden, eben bis 2022 in Köln verlängert habenden Chefs François-Xavier Roth spielt hier das Gürzenich Orchester, das auf eine lange Mahler-Tradition zurückblicken kann, mit trotziger Verve. Hier geht es um alles. Gleichzeitig versteht es der Franzose, den Deckel auf dem Weltschmerztopf zu lassen. Es wird nie larmoyant, sentimental auf dieser universellen Reise zu den Sternen des klanglichen Weltverständnisses. Die volksliedartigen Melodien und die derben Blasmusikklänge, die zarteste Engelsmusik, Verliebtes, Verrücktes, Komisches, Kosmisches, Schrilles, Süßes – alles da, präzise geschieden, dann wieder die Sphären planmäßig verwischend.
Das hört sich ungemein spontan an und ist doch stets souverän geplant. Jeder Musiker spielt auf den Punkt. Fantastisch gelingen die Übergänge, schroff oder sanft verblendet. Der Mensch in seinem Gequältsein, Mahler in seiner Not – das wird hier zum planmäßig exekutierten Tonpoem mit ungewöhnlichem, aber deutlichem sinfonischen Bauplan. Den Roth bis ins Genaueste studiert hat, um loslassen zu können. Seine Interpretation bohrt, sie fliegt aber auch zu den Sternen, er kann es massiv und fast schwerelos. Fasziniert schließt man sich diesem Cicerone durch oft gehörte Klangwelten an, ist überrascht und beglückt. Ja, nur so kann es sein. Dieser Dirigent ist kein Apologet, stets scheint da ein Fragen mitzuschwingen, ein Zweifeln, von Mut weggewischt. „O Mensch. Gib Acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?“, deklamiert die pastos füllige Altstimme Sara Mingardos mit Nietzsche. In dieser packenden Interpretation sehr viel.

Matthias Siehler, 02.03.2019



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gemihaus
Mahlers sinfonischer Weltenentwurf, seine dritte Sinfonie, wird hier von Matthias Siehler ebenso unentschieden kommentiert wie vom Gürzenich-Kapellmeister Roth dirigiert. Forsch in der Gangart vglw. zu Abbado oder dem exaltierten Bernstein, aber der brüchigen Mahlerwelt nah, kann er sich nicht für das sentimental-emotionale Fundament dieser Musik entscheiden. Diese Mahler 3te klingt blitzblank ausgehört, gespielt und auf hohem orchestral-dirigentischen Level missverstanden und unbefriedigend ausdrucksschwach musiziert. Ein Mahler für's moderne business. Kent Nagano erspielte mit dem DSO-B bei ähnlichem Zeit-Zugriff mehr Tiefensicht. Abbado und Bernstein bleiben 'state of the art'.




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