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Francesco Cavalli

Ombra mai fu

Philippe Jaroussky, Emőke Baráth, Marie-Nicole Lemieux, Ensemble Artaserse

Erato/Warner 9029551819
(65 Min., 6 & 7/2017)

Was ist das? Da steht „Ombra mai fù“, aber nach Händel hört es sich nicht an. Bei dieser Arie klingen die Worte vertraut, aber die Melodie ist anders, weniger festlich, es tönt irgendwie älter. Ist es auch. Philippe Jaroussky will auf seinem neuen Album neugierig machen, er spielt auf den Fotos mit Recyclingmasken aus Comiczeichnungen und Mikadostäbchen, mit Federn und Plastiklöffeln. Auf dem Cover gibt er sich weiß, auf der Rückseite rabenschwarz. Diese zwei Medaillenseiten des Francesco Cavalli zeigt er auf seinem jüngsten Soloalbum, der musikalische Nachfolger Claudio Monteverdis, Organist an San Marco und erfolgsverwöhnter venezianischer Opernkomponist.
So hat der französische Countertenor, dessen Stimme ein wenig eingedunkelt ist, der trotzdem noch über seine charakteristisch hellen Töne und sein perlend-zartes Legato verfügt, ganz bewusst diese Arie aus Cavallis „Serse“-Oper von 1654 an den Anfang seiner vokalen wie instrumentalen Auswahl von 24 Titeln gestellt. Denn dieser hat das gleiche Libretto vertont wie später Händel. Und der Ältere muss sich für seine Kraft des Melodiösen, des Charaktervollen wie der Variabilität nicht hinter dem Jüngeren verstecken. Es ist eben nur stilistisch anders.
Doch Philippe Jaroussky, der sich neben seinem bewährt eigenen, farbenreich variablen Ensemble Artaserse mit zwei hervorragenden Vokalkolleginnen umgibt, hat in den Ausschnitten aus 15 Opern den ganzen Cavalli-Kosmos durchschritten. Mit der kehlig-hellen Emőke Baráth schwelgt er in Liebeswallungen, mit der handfest-voluminösen Marie-Nicole Lemieux liefert er sich das berühmte „La Calisto“-Streitduett zwischen Linfea und dem geilen jungen Faun. Ursprünglich ein Paradestück für Dominique Visse, führt Jaroussky hier vor, dass er auch das gestalterische Zeug zum Charaktercounter hat. Vor allem aber zeigt er vorbildlich, was bei Cavalli wichtig ist: die sorgsame Behandlung des Wortes.

Matthias Siehler, 16.03.2019



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