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4 Wheel Drive

Nils Landgren, Michael Wollny, Lars Danielsson, Wolfgang Haffner

ACT/Edel 1098752ACT
(51 Min., 10/2018)

Bei Allradantrieb denkt man an Geländewagen, röhrende Motoren, Matschspritzer und waghalsige Fahrmanöver. Die Stücke, die sich die vierköpfige All-Star-Band um den singenden Posaunisten Nils Landgren, den Cellisten und Bassisten Lars Danielsson, Pianist Michael Wollny und Schlagzeuger Wolfgang Haffner für ihr Gipfeltreffen „4 Wheel Drive“ ausgesucht hat, wecken freilich andere Assoziationen. Bei Phil Collins' „Another Day In Paradise“, Billy Joels „Just The Way You Are“ oder Lennon/McCartneys „Lady Madonna“ denkt man eher an ein traut dudelndes Mainstreamradio während des Feierabendverkehrs.
Dass die Jazzpolizei keine Knöllchen fürs unerlaubte Fahren unter Kitscheinfluss schreiben muss, verdankt sich der emotionalen Tiefe und dem originellen Gestaltungswillen der vier Musiker. Die Beatles werden im 7/8-Takt und mit beherztem Griff in die Klaviersaiten nach New Orleans geschickt, Phil Collins wird harmonisch so umgedeutet, dass seine simplen Melodien nach klassischer Erhabenheit klingen. Ohnehin ist es mit Landgrens zerbrechlich-heiserer Stimme wahrscheinlich sowieso unmöglich, allzu banal popgefällig zu werden.
Radikal düster gehen Landgren, Wollny, Danielsson und Haffner „Shadows In The Rain“ von The Police und „That's All“ von Genesis an. Ersteres wird zu einer psychotischen Ballade, in der der Bass nervös auf der Stelle trippelt wie ein Junkie auf Entzug, die Schlagzeugbecken wie eine verlorene Seele kreischen und das Klavier die Töne verliert wie eine aufgerissene Plastiktüte ihren tropfenden Inhalt. Zweiteres wird zu einem surrealen skandinavischen Volkslied mit sirrendem Cello.
Den Coverversionen stehen vier Eigenkompositionen der Bandmitglieder gegenüber, die in ihrer Diversität den Allradantrieb-Charakter der Einspielung deutlich machen: Während Wollnys „Polygon“ ein lässig die Kurven nehmender Hardbop-Krummtakt-Blues ist, befüllt Haffners „Lobito“ den Tank mit einem leichten Calypso-Gemisch. Landgrens „Le chat sur toit“ wechselt vom Standgas einer besinnlichen Posaunenballade überraschend in einen funky Ritt auf einer Buckelpiste. Danielssons „4WD“ schließlich klingt wie ein Hybrid aus „Dodge The Dodo“ von e.s.t. und „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana. Da kann man schon drauf abfahren.

Josef Engels, 16.03.2019



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