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The Transitory Poems (Live At Liszt Academy Budapest)

Vijay Iyer, Craig Taborn

ECM/Universal 7730119
(74 Min., 3/2018)

Wo endet die Komposition? Wo beginnt die Improvisation? Spielen Vijay Iyer und Craig Taborn Jazz? Oder improvisierte Kammermusik? Das Duett der Pianisten, aufgenommen am 12. März 2018 in der Franz Liszt Akademie in Budapest, wirft Fragen auf. Und es verblüfft durch seine Intensität und Dichte, durch einen inneren Übereinklang, der sich in den dichtesten Tontrauben und flirrenden Höhenflügen ebenso selbstverständlich einstellt wie in den leisen, vorsichtig tastenden Passagen.
Vijay Iyer (*1971) und Craig Taborn (*1970) sind alte Bekannte, die schon zu Beginn der 2000-er Jahre in Roscoe Mitchells (*1940) neunköpfiger „Note Factory“ zusammen musizierten. Mitchell, Ahnvater der amerikanischen Improvisationsszene, konzipierte damals eine Kombination aus komplexem notiertem Material, Kollektiv- und Soloimprovisationen, wie sie oft als „Free Jazz“ bezeichnet wurde, eigentlich aber die Gedankenwelt der Aleatorik in der Neuen Musik mit Jazz verband.
Acht Titel aus dem Budapester Auftritt von Iyer und Taborn greifen diese gedankliche Grundhaltung auf. Als wollten sie das Publikum in das sperrige Konzept einführen, bauen sie „Life Line (Seven Tensions)“ als Folge von Spannungszuständen aus unterschiedlichen Grundbewegungen auf. In „Sensorium“ kontrastieren sie Linienführungen und perlende Klangtupfer, und „Kairòs“ führt nach einer zurückhaltenden Einleitung zu einem furiosen, hämmernden Finale. Einer ähnlichen Dramaturgie folgt auch „S.H.A.R.D.S.“, das allerdings nach einem vehementen Teil in gemäßigtere Bereiche zurückfindet. Mit „Shake Down“ setzen sie das Gegenüber von Grundbewegungen fort.
Die folgenden drei Stücke sind als Hommagen auf drei Pianisten angelegt, die 2017/2018 gestorben sind. Das Muhal Richard Abrams (1930-2017) gewidmete „Clear Monolith“ scheint – frei von jeglicher Hektik – in knappen Zyklen wie ein Vulkan zu atmen, wobei immer wieder heiße Lava-Fontänen emporschießen. In Erinnerung an Cecil Taylors (1929-2018) Klangorgien treffen in „Luminous Brew“ zarte, filigrane und vehemente, überbordende Klänge aufeinander. Das Finale, ein Medley aus „Meshwork / Libation / When Kabuya Dances“, verabschiedet sich mit großartig ineinander verwobenen Tonbewegungen von Geri Allen (1957-2017), die – auch das wird spürbar – die Energie des Funk mit den kunstvollen Strukturen des Jazz vereinigt oder auch mit kraftvollen, freien Improvisationen brilliert hatte.
74 Minuten lang klingen keine Jazzstandards oder jazztypische Motivbearbeitungen an. Stattdessen kosten Iyer und Taborn den Kontrast von Motiven oder auch nur Grundideen aus, indem sie diese mit überlegten Konzepten, wachen Ohren und flinken Gedanken brillant ineinander verflechten. Über die vollen 74 Minuten vermeiden sie die jazzübliche Trennung in einen führenden Musiker und dessen Begleiter – auch eine Besonderheit. So sperrig die Musik auch ist: Es lohnt sich, das Album mehrmals zu hören und sich eine Schicht nach der anderen zu erschließen. Und letztendlich wird man sie als improvisierte Kammermusik zu schätzen wissen.

Werner Stiefele, 16.03.2019



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