Die Texte des siebenteiligen lateinischen Kantaten-Zyklus „Membra Jesu nostri“ stammen aus der mittelalterlichen Mystik der „alten“, also der vorreformatorischen Kirche. Martin Luther hatte ein Faible für diese Form der u. a. mit dem Namen Bernard von Clairvaux verknüpften Frömmigkeit, und insofern ist es nicht ganz erstaunlich, dass sich nicht nur Buxtehude, sondern vor ihm auch schon der evangelische Textdichter mit den „Membra“ auseinandersetzte.
Den schwärmerischen, ganz auf den explizit samt seinen Wundmalen imaginierten Christus fokussierten Blick des betenden Betrachters in Musik zu gießen, scheint sich Buxtehude vorgenommen zu haben: Die „Sonata in tremulo“ etwa, die bebend die zweite Kantate einleitet, ist ein eminent gefühlvolles Stück, und die fünfstimmigen Ensemblesätze repräsentieren mit ihrer melodischen wie harmonischen Intensität den emotionalen Gehalt ihrer teils aus dem Hohelied stammenden biblischen Texte. Weniger selbstverständlich gelangen dagegen die vergleichsweise schlicht gehaltenen kleinen Arien zur Geltung, die den Kern der Kantaten bilden: Hier kommt es sehr auf die einzelnen Interpreten und ihren individuellen Zugriff auf die mittelalterliche Reimdichtung an. Den Sängerinnen und Sängern des Ricercar Consort gelingt das – unter deutlich den Raumklang einbeziehenden, etwas zu weichen akustischen Grundbedingungen – unterschiedlich gut. Gelegentlich würde man sich, weil der Text wegen der nicht allzu direkten Abnahme des Gesangs durch die Technik eben doch nicht optimal zu verfolgen ist, eine schlichtere, geradere Linienführung wünschen. Oder umgekehrt: ein dichtes Netzwerk interpretatorischer Einzelaspekte bei unmittelbarerer Wirkung der Worte. Die Quadratur des Kreises – weicher Klang und differenziert verinnerlichte Ausgestaltung – ist nicht ganz überzeugend gelungen: Pierlots an sich guter Ansatz, das hohe Sensitivitätspotential von Text und Musik erlebbar zu machen, leidet unter einem letztlich etwas zu verwaschenen Klangbild.

Michael Wersin, 12.04.2019



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