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Tartaros

Christoph Beck

dml-records/Fenn Music DML 038
(50 Min., 1/2018)

Erwarten die Hörer Höllenqualen? Mussten die Musiker beim Einspielen der CD leiden? Eigentlich müsste ein CD-Titel „Tartaros“ Furcht einflößen, denn der Tartaros war in der griechischen Mythologie jener Bereich unterhalb des regulären Totenreichs Hades, in dem der Göttervater Zeus seine Rivalen und Gegner foltern ließ. Hören wir nun Schmerzensschreie oder kruden, bösartigen Lärm? Überhaupt nicht. Der Tenorsaxofonist Christoph Beck setzt sich über die landläufigen Vorstellungen vom Tartaros hinweg und bläst auf Tenorsaxofon und Bassklarinette mit einer Fülle an Klangschattierungen wohlklingende, ausdrucksstarke Melodien, und seine Partner tun es ihm an Flügel und Schlagzeug gleich.
Die zwölf Titel sind ein Gegenentwurf zu Hölle, Schmerz und Qual. Der „Night Bird“ schwebt über repetitiven Klavierfiguren. Er steigt auf, beschleunigt und gleitet davon. Beck stößt hier stellenweise nur druckvolle Luft durchs Tenorsaxofon, während er in „Der Spieler“ das dunkle Volumen der Bassklarinette aufklingen lässt. Wie ein mitfühlender Nachgesang auf einen Verlierer wirkt das melancholische Stück; eine Atmosphäre, die sich in der folgenden „Ballade“ fortsetzt.
Christoph Beck, der Pianist Patrick Bebelaar und der Schlagzeuger Bodek Janke kommunizieren feinfühlig miteinander. Wenn etwa Beck in „Aafsamo“ eine längere Solo-Zirkularatmungspassage beendet, fangen ihn die beiden anderen mit einer arrangierten Passage auf, bevor Bebelaar das Beck’sche Motiv in einem unbegleiteten Klaviersolo aufgreift. Entsprechend reagieren sie auch auf Jankes perkussives Solo: Auch hier ergänzen sich Komposition und Improvisation ohne Widerspruch.
Selbst tödliche Gefahren umschiffen die drei. So lässt Beck zwar „Peisinoe“ aus der Ferne singen, doch als sie sich dem Felsen nähern, auf dem Peisinoe und die beiden anderen Sirenen in der griechischen Mythologie die Seefahrer mit betörendem Gesang an die Klippen und damit in den Untergang lockten, nimmt das Stück über motorischen Klavier- und Schlagzeugfiguren Tempo auf, bis der Saxofonklang im Hintergrund verebbt: Sie haben überlebt.
Verweist der Bezug auf die griechische Antike auf einen abendländisch-humanistischen Hintergrund, so lässt „Die Maus“ auch weltmusikalische, insbesondere indische Einflüsse spüren. In „The Journey“ hingegen mündet ein freier Saxofon-Schlagzeug-Dialog in kraftvolles Ensemblespiel. Die frei improvisierten „Sketch One“ und „Sketch Two“ unterstreichen, dass dieses Trio auch ohne Vorlage zu einem harmonischen Gesamtklang findet. Selbst die klagende Saxofon-Einleitung von „Foresight“ mündet in pulsierendem Ensemblespiel. Danach lädt „Spa“ zum Entspannen ein. Der „Tartaros“ von Beck-Bebelaar-Janke hat nichts Quälendes an sich – weder für die Musiker noch für die Hörer. Die nach dem Höllenkeller benannte Disc schildert das Gegenteil: eine von Melancholie und Sehnsucht geprägte Welt.

Werner Stiefele, 13.04.2019



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