Ganz zum Schluss ihrer Klangreise durch die tiefe Nacht verlässt Dorothee Oberlinger mit ihren Musikern vertrautes Barockterrain und rundet ihr Album mit dem wohl berühmtesten Jazz-Nocturne ab. Gemeint ist natürlich der x-mal gecoverte Jazzstandard „Round Midnight“ von Thelonious Monk, den jetzt Luigi Mangiocavallo für Blockflöten, Streicher, Theorbe und Orgel eingerichtet hat. Und obwohl die Besetzung von der Papierform eben ganz klassisch barock daherkommt, haben die Musiker sich und ihre Instrumente in eine absolute feine Jazz-Band verwandelt, die diesem Ohrwurm sogar einen Schuss Tangoflair mitgibt. Äußerst gekonnt und geschmackvoll, dieses musikalische Sahnehäubchen auf einem Programm, das sich ansonsten unterschiedlichster Nachtmusiken aus dem 16. bis 18. Jahrhundert widmet. Gleich fünf Concerti bzw. Sonaten von Antonio Vivaldi bilden den Schwerpunkt (darunter das berühmte „La notte“-Konzert RV 104). Dazwischen streut Oberlinger mal solistisch, mal kammermusikalisch und dann wieder in voller Ensemble-Stärke Werke etwa des Niederländers Jacob van Eyck, des Franzosen Jean-Baptiste Lully sowie des Italieners Fra Gerardo ein, die die Atmosphäre der Dunkelheit, aber auch den Gesang der Nachtigall einfangen. Und gegen Ende des Albums ziehen sogar „Die Nachtwächter“ von Heinrich Ignaz Franz Biber auf – mit Bass Thomas Hansen. Dass Dorothee Oberlinger und ihre Musikerfreunde dieses Repertoire wie im Schlaf beherrschen, ist keine Überraschung. Dafür können sie mit „Round Midnight“ mehr als verblüffen.

Guido Fischer, 13.04.2019



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